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Die Nase

Es gibt Geschichten, die eine Initialzündung bewirken, wenn man auf sie trifft. Die ideale Kombination aus dem richtigen Buch zur richtigen Zeit. Eine dieser Geschichten ist für mich „Die Nase“ von Nikolai Gogol. Ich stöberte als Jugendlicher in der neu gebauten Stadtbücherei in Münster, als mir eine knallrote Ausgabe von Diogenes in die Hände fiel: Gogol, Meistererzählungen. Gehört hatte ich diesen Namen noch nicht, aber ich las das Vorwort von Sigismund von Radecki, las immer weiter, setzte mich hin, begann mit der ersten Erzählung aus dem Band, „Die Nase“, und war fasziniert: der schnurrige Ton, die groteske Begebenheit eines Mannes, dessen Nase sich eines Tages nicht mehr in seinem Gesicht befindet, die Suche nach dem guten Stück, die Konfrontation mit der Nase, die mittlerweile eine Offiziersuniform trägt und durchaus selbstbewusst ihre Unabhängigkeit behauptet, bis hin zum Ende … Während des Lesens spürte ich, dass ich hier etwas gefunden hatte, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, es zu suchen. Hier war eine phantastische Erzählung, die einen literarischen Anspruch geltend machte, die sich wenig um Konventionen kümmerte. Ich lief in die nächste Buchhandlung und kaufte mir die Ausgabe. Bis heute hat Gogol nichts von seiner Faszination verloren, zwar kamen mitunter andere Autoren, die ihn für kurze Zeit verdrängten, die wichtiger, gewichtiger, erschienen, doch immer wieder kehrte ich zu dieser leichten, düsteren Art der Phantastik zurück, die doch im Grunde ihres Herzens das Traurigste ist, was ein Mensch zu schreiben vermag.

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