Extimes: 9

Die ruhigen Straßen am frühen Sonntagmorgen. Kein Auto unterwegs, die wenigen Menschen bewegen sich freier. Als hätte man einen Vorhang zurückgezogen und könnte die Stadt jetzt deutlicher sehen.

Ein älterer Herr mit Hemd und Pullunder bekleidet gießt auf dem Balkon die Pflanzen.

Ab einer gewissen Menge verändert sich ihr Gang, die Stimmen werden lauter, die Blicke herausfordernder, sie nehmen mehr Platz ein. Der Einzelne wird zur Gruppe, die ihn aber nie zur Gänze ausmacht. Die Blindheit der Soziologen.

Werbeanzeigen

Extimes: 8

Schon im Kindergarten lernt der Mensch, Dinge zu tun, die er nicht möchte. In der Schule lernt er, sich von anderen bewerten zu lassen. Im Beruf, sich in sein Schicksal zu fügen. Alles andere ergibt sich dann von selbst.

Die giftige Eibe lockt die Vögel mit ihren roten Beeren. Sie schlucken die Beeren am Stück, nähren sich von dem Fruchtfleisch und scheiden die Kerne wieder aus.

Die zwei roten Umzugswagen vor dem Haus, aus dem das alte Ehepaar auszieht. Die ungewohnt kahlen Fenster ihrer Wohnung. Als die alte Frau das Haus verlässt, geht sie ohne einen Blick an den Umzugswagen vorbei, überquert die Straße und wartet an der Bushaltestelle.

Extimes: 7

Das Wetter so ungemütlich, dass sich nur Hundebesitzer und Eltern draußen aufhalten.

Das kleine Mädchen auf dem Weg zur Schule, verkleidet wie ein Waldgeist. Ein Waldgeist mit Schulranzen.

Nach dem Aussortieren alter Bücher sieht das Bücherregal aus wie ein schadhaftes Gebiss.

Extimes: 6

Ein hochbeiniger Igel eilt durch den dunklen Garten. Im Schein der Laterne folgt ihm sein kugeliger Schatten, bevor er sich unter dem Zaun hindurchdrückt und die Straße überquert.

Das Waschen der Lammleber, die wie ein geöffnetes Buch in den Händen liegt.

Im Supermarkt ein kleines Mädchen mit aufgemaltem Löwengesicht.

Drei junge Frauen sitzen in der nächtlichen Straße auf dem Bürgersteig, zwischen Litfaßsäule und Hauswand, und unterhalten sich leise. In der autoleeren Ruhe sitzen sie entspannt beisammen wie in einem Wohnzimmer.

Extimes: 5

Die Ruhe eines Sonntagvormittags auf dem Weg zum Bäcker. Die noch ofenwarmen Brötchen in der Tüte. Auf dem Rückweg teilen wir uns ein Schokoladencroissant und haben unser Frühstück auf dem Bürgersteig.

Die sonnenbeschienen Lavendelsträucher hängen voller Hummeln, die ihre rundlichen Gestalten auf den langstieligen Blüten balancieren.

In jeder Straße Mädchen, die ihre Handys wie eine kleine Gottheit vor sich hertragen.

Extimes: 4

Mächtig aufgetürmte Wolken, im oberen Drittel vom Sonnenlicht erhellt, zwischen denen sich der blaue Himmel erstreckt. Ergreifende Schönheit beim Betrachten.

Die ältere Frau in der Buchhandlung am Tisch mit den erotischen Bildbänden zwischen einer Handvoll Männern. Bleibt fast eine Viertelstunde und nimmt ein Buch nach dem anderen zur Hand.

Nachts die Möwen an der Kennedybrücke. Sitzen auf dem Geländer oder lassen sich im Wind über den dunklen Gewässern treiben.

Extimes: 3

La Rochelle: Die Meeresoberfläche, grün-blau, vom Wind leicht gekräuselt, das Wasser so klar, dass man die Vielfalt des Grundes erkennen kann. Einzelne weiße Boote auf dem Wasser. Sandstrände. Alles sehr mediterran. Dazu die Häuser, die an Spanien erinnern.

Ile de Re’ : Die hochstehende Sonne zwischen den Gassen, blendend weiße Häuser mit dicken Mauern und kleinen Fenstern.

Ile de Re’ : Die Franzosen in den Straßenrestaurants, trotz aller Angeregtheit leiser als in Deutschland. Das Leben ist mehr auf Genuss ausgerichtet, selbst einfache Speisen wie Käse oder Salami werden zu Delikatessen.

Ile de Re’: Zwei französische Bauern helfen uns bei der Autopanne. Wie unbeteiligt stellten sie sich vorher an den Straßenrand vor ihre Höfe und warteten, bis sie angesprochen wurden. Eine Stunde Verständigung mit Händen und Füßen. Ein Mann holt einen Wagenheber aus Zeiten des zweiten Weltkriegs, der andere die passende Schraube für das Getriebe. Mir bleibt der Eindruck von sehr höflichen Menschen. Überwiegend französischsprachige Musik im Radio.

Extimes: 2

Auf der Unfallchirugie die junge Ärztin, die eine Betäubungsspritze in die Wundinfektion auf der Fußsohle gibt, was ihr selber wehtut, wie sie sagt. Der Eindruck einer bescheidenen Handwerkerin, als sie zu schneiden beginnt. Der dünne Arzt, der das Bein hält, seltsam mager unter dem weißen Kittel.

Das Schreien von zwei Babys draußen auf der Straße, lang gezogen und schrill, sich langsam entfernend, als wäre alles Leid der Welt in diese kleinen Geschöpfe gefahren, wo doch schon eine scheuernde Windel ausreicht.

Am Rheinufer führt eine Frau ihr Hündchen aus, das alle paar Meter das Bein hebt und sie im Zickzack von Duftmarke zu Duftmarke zieht.

Extimes: 1

Das Schwarzweißfoto der Eltern, auf dem sie jünger als ihr Sohn sind. Im Laufe der Zeit verliert der Mensch unzählige Ichs, trotzdem ist er mehr als die bloße Existenz der Gegenwart.

Auf dem Kopf der Beethovenstatue saß eine Taube, von wo aus sie einen ungestörten Rundumblick über den Münsterplatz besaß. Der alte Herr rührte sich nicht und die fotografierenden Touristen schien es auch nicht zu stören.

Charakteristisch für einen Menschen in einem Gespräch vor allem die Augen und die Bewegungen der Hände. In unbeobachteten Momenten machen sich die Hände gerne selbstständig. Die Augen sind am schwersten zu manipulieren.