Schlagwort-Archive: Notizen

Informationen

Bereska schrieb in seinen Kolberger Heften von der Informationsflut des Radios. Knapp vierzig Jahre ist das nun her, und mutet schon nostalgisch an. Ich frage mich, ob wir heutzutage einen Scheitelpunkt erreicht haben, wo die Menge der auf uns einströmenden Informationen kaum noch gesteigert werden kann – oder ob wir in vierzig Jahren angesichts aktueller Verhältnisse müde lächeln werden? Immerhin, so lautet ein berühmter Vergleich, stecken in einer Wochenendausgabe der New York Times so viele Informationen, wie der Mensch des Mittelalters während seines ganzen Lebens erhalten hat. Und wenn die Menge an Informationen, die wir aufzunehmen vermögen, nicht mehr gesteigert werden kann, gibt vielleicht Google Glass die Richtung vor, wo die Umwelt nur noch aus konsumrelevanten Informationen besteht und alles andere als nicht verwertbar ausgeblendet werden wird? Letztens auf der Rückfahrt nach Bonn war ich im Zugabteil der einzige Mensch, der weder auf ein Smartphone noch auf ein Notebook starrte, sondern aus dem Fenster sah und nachdachte. Für eine Weile kam es mir so vor, als sei ich der letzte Vertreter der aussterbenden und unterschätzten Kulturtechnik des aus dem Fenster guckens. Ich erinnerte mich an eine Erzählung von Ray Bradbury, in der ein Mann nachts auf der Straße von der Polizei angehalten wird, weil er dort spazieren geht. Was er dort treibe, will der Polizist misstrauisch wissen , der es nicht glauben kann, dass ein Mensch einfach so zu Fuß durch die Gegend läuft. Der Schaffner hat mich das nicht gefragt, aber ein wenig misstrauisch geguckt hat er schon, bilde ich mir ein.

Advertisements

01/ 2013

Nach dem Frühstück suchte ich im Internet nach einer alten Professorin von mir, von der ich lange nichts mehr gehört hatte, und stieß auf den Seiten der Westfälischen Nachrichten auf eine Sterbeanzeige. Von allen meinen Professoren war Frau M. die Streitbarste und Angreifbarste, die sich mit ihrer ganzen Person einbrachte, die von Hentigs Bildungsbegriff hochhielt und uns Popper nahebrachte, die grundsätzlich erst am späten Vormittag ihre Vorlesungen hielt, da sie ein Nachtmensch war und es als Körperverletzung betrachtete, um acht Uhr morgens vor den Studenten stehen zu müssen; die den SPIEGEL mit einer Begeisterung las, dass auch ich ihn abonierte, die ein ganzes Semester darauf verwendete, einen einzigen Text hermeneutisch zu lesen, und die alle in ihren Augen denkfaulen Studenten mit ihrer Ironie nach wenigen Tagen verscheuchte, die oben unter dem Dach des Hüfferstiftes mit Freiwilligen philosophische und erziehungswissenschaftliche Bücher las, wo wir uns in ihrem kleinen Büro mit den alten muffigen Möbeln über die ausgeteilten Kopien beugten, und bei der ich 2000 als einer der letzten Studenten die Diplomarbeit schrieb, bevor sie in den Ruhestand ging. Frau M. ist im Januar 2013 in Münster verstorben.

Balkonsommer

Heute zum ersten Mal wieder meinen Arbeitsplatz nach draußen auf den Balkon verlagert. Kein Kaffeehausliterat, denke ich, aber immerhin ein Balkonliterat. Auch die Weberknechte  haben sich wieder eingefunden. Waren sie im letzten Jahr noch zu zweit, sind es mittlerweile zwischen drei und sechs Exemplare, die regungslos in den Pflanzen unseres Balkons sitzen, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Dafür sind die Vögel aufgebracht, die sich durch meine Anwesenheit gestört nicht mehr an die Futtersilos und Meisenknödel trauen. Während ich stoisch sitzen bleibe und arbeite, ist mir der Fluch aller Meisen der Umgebung sicher.

Das Digitale und die Flüchtigkeit

Ich schreibe gerade an einer Erzählung für die Dezemberausgabe von GEGEN UNENDLICH. Neben der Freude an der kurzen Form, die eine Abwechslung zur Arbeit am Roman darstellt, genieße ich das Schreiben von Hand. Ein Notizheft und ein Stift, nichts weiter. Dabei wird mir wieder bewusst, wie flüchtig die Arbeit am Rechner ist. Nicht erst seit dem Datenverlust Anfang des Monats, der mir trotz Sicherheitskopien die Arbeit von einer Woche entriss. Dem Digitalen ist die Flüchtigkeit schon eingeschrieben. Ein Stromausfall, ein technischer Defekt, ein neues Format (was werde ich in zwanzig, dreißig Jahren noch öffnen und lesen können?), die Weiterentwicklungen bei den Datenträgern …
Aber: das Digitale ist beweglich, verfügt über kurze Wege, kann Dinge wagen, die den analogen Medien nicht gelingen wollen, schafft neue Möglichkeiten abseits von Verlagen (und auch neue Abhängigkeiten von den neuen Türstehern, die sich um die Wortproduzenten versammelt haben und sie mit der Leichtigkeit des Seins locken wollen, um an deren Tantiemen teilzuhaben).

Extimes: 6

Ein hochbeiniger Igel eilt durch den dunklen Garten. Im Schein der Laterne folgt ihm sein kugeliger Schatten, bevor er sich unter dem Zaun hindurchdrückt und die Straße überquert.

Das Waschen der Lammleber, die wie ein geöffnetes Buch in den Händen liegt.

Im Supermarkt ein kleines Mädchen mit aufgemaltem Löwengesicht.

Drei junge Frauen sitzen in der nächtlichen Straße auf dem Bürgersteig, zwischen Litfaßsäule und Hauswand, und unterhalten sich leise. In der autoleeren Ruhe sitzen sie entspannt beisammen wie in einem Wohnzimmer.

Extimes: 5

Die Ruhe eines Sonntagvormittags auf dem Weg zum Bäcker. Die noch ofenwarmen Brötchen in der Tüte. Auf dem Rückweg teilen wir uns ein Schokoladencroissant und haben unser Frühstück auf dem Bürgersteig.

Die sonnenbeschienen Lavendelsträucher hängen voller Hummeln, die ihre rundlichen Gestalten auf den langstieligen Blüten balancieren.

In jeder Straße Mädchen, die ihre Handys wie eine kleine Gottheit vor sich hertragen.

Extimes: 4

Mächtig aufgetürmte Wolken, im oberen Drittel vom Sonnenlicht erhellt, zwischen denen sich der blaue Himmel erstreckt. Ergreifende Schönheit beim Betrachten.

Die ältere Frau in der Buchhandlung am Tisch mit den erotischen Bildbänden zwischen einer Handvoll Männern. Bleibt fast eine Viertelstunde und nimmt ein Buch nach dem anderen zur Hand.

Nachts die Möwen an der Kennedybrücke. Sitzen auf dem Geländer oder lassen sich im Wind über den dunklen Gewässern treiben.

Extimes: 3

La Rochelle: Die Meeresoberfläche, grün-blau, vom Wind leicht gekräuselt, das Wasser so klar, dass man die Vielfalt des Grundes erkennen kann. Einzelne weiße Boote auf dem Wasser. Sandstrände. Alles sehr mediterran. Dazu die Häuser, die an Spanien erinnern.

Ile de Re’ : Die hochstehende Sonne zwischen den Gassen, blendend weiße Häuser mit dicken Mauern und kleinen Fenstern.

Ile de Re’ : Die Franzosen in den Straßenrestaurants, trotz aller Angeregtheit leiser als in Deutschland. Das Leben ist mehr auf Genuss ausgerichtet, selbst einfache Speisen wie Käse oder Salami werden zu Delikatessen.

Ile de Re’: Zwei französische Bauern helfen uns bei der Autopanne. Wie unbeteiligt stellten sie sich vorher an den Straßenrand vor ihre Höfe und warteten, bis sie angesprochen wurden. Eine Stunde Verständigung mit Händen und Füßen. Ein Mann holt einen Wagenheber aus Zeiten des zweiten Weltkriegs, der andere die passende Schraube für das Getriebe. Mir bleibt der Eindruck von sehr höflichen Menschen. Überwiegend französischsprachige Musik im Radio.

Extimes: 2

Auf der Unfallchirugie die junge Ärztin, die eine Betäubungsspritze in die Wundinfektion auf der Fußsohle gibt, was ihr selber wehtut, wie sie sagt. Der Eindruck einer bescheidenen Handwerkerin, als sie zu schneiden beginnt. Der dünne Arzt, der das Bein hält, seltsam mager unter dem weißen Kittel.

Das Schreien von zwei Babys draußen auf der Straße, lang gezogen und schrill, sich langsam entfernend, als wäre alles Leid der Welt in diese kleinen Geschöpfe gefahren, wo doch schon eine scheuernde Windel ausreicht.

Am Rheinufer führt eine Frau ihr Hündchen aus, das alle paar Meter das Bein hebt und sie im Zickzack von Duftmarke zu Duftmarke zieht.

Extimes: 1

Das Schwarzweißfoto der Eltern, auf dem sie jünger als ihr Sohn sind. Im Laufe der Zeit verliert der Mensch unzählige Ichs, trotzdem ist er mehr als die bloße Existenz der Gegenwart.

Auf dem Kopf der Beethovenstatue saß eine Taube, von wo aus sie einen ungestörten Rundumblick über den Münsterplatz besaß. Der alte Herr rührte sich nicht und die fotografierenden Touristen schien es auch nicht zu stören.

Charakteristisch für einen Menschen in einem Gespräch vor allem die Augen und die Bewegungen der Hände. In unbeobachteten Momenten machen sich die Hände gerne selbstständig. Die Augen sind am schwersten zu manipulieren.