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Versificatoren

Beim Wiederlesen von »1984«, welches ich immer noch für eine beeindruckende Dystopie halte, fällt mir auf, wie stark die Realität die damaligen Mechanismen von Kontrolle überholt hat. Es handelt sich hierbei um das, was Bjung-Chul Han das digitale Panoptikum genannt hat. In anderer Hinsicht erscheint mir Orwells Roman noch immer sehr aktuell. Bei einer Forendiskussion über Amazons neue eBook-Flatrate fragte ein User, wovon denn die Autoren dann noch leben sollten. Ein anderer Teilnehmer antwortete, dass Autoren sowieso bald durch Programme ersetzt werden würden, die Romane automatisch generieren. Dabei fiel mir die synthetisch erzeugte Musik aus »1984« ein:

Draußen vor dem Fenster sang jemand. Winston lugte unter dem Schutz des Musselinvorhangs hinaus. Die Junisonne stand noch hoch am Himmel, und drunten auf dem besonnten Hof stapfte ein Monstrum von Frau, wuchtig wie eine romanische Säule, mit stämmigen roten Unterarmen und einer um ihre Taille gebundenen Sackleinwandschurze, zwischen einem Waschfass und einer Wäscheleine hin und her, auf der sie eine Reihe viereckiger weißer Dinger aufhangte, die Winston als Kinderwindeln erkannte. So oft ihr Mund nicht durch Wascheklammern verschlossen war, sang sie mit mächtiger, tiefer Altstimme:

»Es war nur ein tiefer Traum,
Ging wie ein Apriltag vorbei-ei
Aber sein Blick war leerer Schaum
Brach mir das Herz entzwei-ei!«

Das Lied wurde wahrend der letzten Wochen von ganz London geträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, die für die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne jedes menschliche Zutun von einem sogenannten »Versificator« zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodiös, dass aus dem fürchterlichen Blödsinn beinahe ein hübsches Liedchen wurde.

Im Journalismus wird ein solches Programm zum automatischen Verfassen von Nachrichten schon eingesetzt. Anfang Mai meldete die »Los Angeles Times« , sie habe die erste von einer Software produzierte Nachricht publiziert und werde das in Zukunft öfter tun. Die Stuttgarter Softwarefirma Aexea verspricht eine Nachrichtenmaschine, die hochwertige Texte erzeugen kann. Mit dieser lasse sich zum Beispiel eine Nachrichtenseite basteln, bei der auf die speziellen Interessen bestimmter Leser zugeschnittene Artikel produziert werden – ganz ohne Menschen im Produktionsprozess.
Die böse Ironie an der Geschichte ist, dass für Orwell der Versificator das Instrument eines totalitären Regimes war, denn wo eine Maschine produziert, kann es auch keinen kritischen Geist geben, und dass nun im Rahmen eines freiheitlichen Kapitalismus eben dieses Instrument als Objekt der Gewinnmaximierung eingesetzt wird.

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K.WEST

100CoverK.West feiert sein 10-jähriges Bestehen. Herzlichen Glückwunsch!

Weiterhin lesenswert: das Interview mit Dietmar Dath: »Unterm Radar der Literaturpriester fliegen«.

Das Digitale und die Flüchtigkeit

Ich schreibe gerade an einer Erzählung für die Dezemberausgabe von GEGEN UNENDLICH. Neben der Freude an der kurzen Form, die eine Abwechslung zur Arbeit am Roman darstellt, genieße ich das Schreiben von Hand. Ein Notizheft und ein Stift, nichts weiter. Dabei wird mir wieder bewusst, wie flüchtig die Arbeit am Rechner ist. Nicht erst seit dem Datenverlust Anfang des Monats, der mir trotz Sicherheitskopien die Arbeit von einer Woche entriss. Dem Digitalen ist die Flüchtigkeit schon eingeschrieben. Ein Stromausfall, ein technischer Defekt, ein neues Format (was werde ich in zwanzig, dreißig Jahren noch öffnen und lesen können?), die Weiterentwicklungen bei den Datenträgern …
Aber: das Digitale ist beweglich, verfügt über kurze Wege, kann Dinge wagen, die den analogen Medien nicht gelingen wollen, schafft neue Möglichkeiten abseits von Verlagen (und auch neue Abhängigkeiten von den neuen Türstehern, die sich um die Wortproduzenten versammelt haben und sie mit der Leichtigkeit des Seins locken wollen, um an deren Tantiemen teilzuhaben).

Brüderle

Früher, erzählt ein alter Reporter, hätte es bei den Bonner Journalisten einen Berufsethos gegeben, über nichts zu schreiben, was die Politiker privat in den Cafés, Bars und Restaurants von sich gaben, es wurden dabei auch keine Fotos von ihnen geschossen. Der Journalist hielt sich für nicht so wichtig wie die Nachricht. Heute hätten wir den Fall Brüderle.