Arbeitsjournal – Shackleton IX

Bradbury hat mal geschrieben, mal solle seine Charaktere laufen lassen. Nachdem ich ein weiteres Kapitel beendet und zwei neue skizziert habe, half mit dieser Ratschlag für das letzte Stück meines Romanes weiter. Es geht nicht darum, was ich als Autor will, sondern was die Figuren wollen. Und so lautete die Frage nicht, wie geht es weiter, sondern was würde dieser oder jener Charakter in dieser Situation tun. Dadurch entwickelt sich ein organisches Wachstum und man läuft weniger Gefahr, Handlungen zu konstruieren.

Obwohl es meine Angewohnheit ist, möglichst schnell und an fünf Tagen die Woche zu schreiben, lasse ich mir nun bewusst mehr Zeit. Nichts ist ärgerlicher, als am Ende die Nerven zu verlieren und den Roman zu verreißen. Es lässt sich nichts über das Knie brechen. Und gerade am Ende geht häufig die Puste aus und man macht Fehler, die man ansonsten nicht gemacht hätte. Also gönne ich mir immer wieder schreibfreie Tage, lasse Dinge sacken und führe sie dann etwas später in Ruhe aus.

Dune

Der offizielle zweite Trailer der neuen Dune-Verfilmung von Denis Villeneuve ist draußen und verspricht so einiges, was das SF-Herz erfreut. Von der Länge her übertrifft die Neuverfilmung den Klassiker von David Lynch aus dem Jahr 1984 deutlich. Bei Warner hat man sich entschieden, Frank Herberts Roman in zwei Teilen zu verfilmen, und schon der erste Teil wird 155 Minuten lang. Stoff genug bietet die Romanvorlage, aber es bleibt die Unsicherheit, ob der Film genügend einspielt, um die Dreharbeiten für den zweiten Teil anzustoßen. Der erste Teil von »Dune« wird voraussichtlich am 16. September in die deutschen Kinos kommen.

Trailer #2

Dystopien

Es sind gerade keine guten Zeiten für SF-Autoren. Dystopien leben davon, dass es einen gewissen Abstand zu unserer Gegenwart gibt, sodass man bestimmte Entwicklungen überformen und damit deutlich machen kann. Was Macrons Pläne für Frankreich betrifft, die in wenigen Wochen umgesetzt werden, lässt mich zum Rechner rennen, um mindestens die Hälfte meiner dystopischen Entwürfe in den digitalen Papierkorb zu befördern. So schnell, wie wir gerade den Zug ins Autoritäre und in die Überwachung kriegen, kann ich meine Romane gar nicht anpassen. Und ich sehe keinen Grund zur Annahme, dass die Entwicklung in Deutschland anders verlaufen wird. Spätestens seit Beginn der Pandemie lässt sich bei allen westlichen Regierungen ein deutlicher Ruck hin zum Autoritären feststellen, was in einigen Ländern schon eine Weile vorher unter dem Einfluss von Terroranschlägen stattfand. Wir gewöhnen uns an Notstandsgesetze, die schnell eingesetzt und nur langsam wieder rückgängig gemacht werden, und weitreichende Überwachung. Die meisten Menschen werden die Überwachung bereitwillig akzeptieren, weil sie in den meisten Situationen mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringen wird, sodass noch nicht einmal eine filmreife Erhebung der Massen zu erwarten ist. Es sind wirklich keine guten Zeiten für SF-Autoren.

Arbeitsjournal – Shackleton VI

Früh am Morgen. Ich stehe am Fenster, durch das die ersten Sonnenstrahlen fallen. Einen momentlang fühle ich die Ehrfurcht der Menschen vergangener Jahrhunderte, dass die Dunkelheit besiegt ist und ein neuer Tag anbricht. Die Stunden liegen jungfräulich vor einem, der Tag ist ein unbeschriebenes Blatt, alles ist möglich. Dann frühstücke ich und schreibe wie gewöhnlich bis zum Mittag an meinem Roman.

Arbeitsjournal – Shackleton V

Nachdem ich noch einmal an den Anfang zurückgekehrt war, bin ich nun wieder im letzten Drittel des Romans angelangt und hoffe, die letzte Fassung in drei, vier Monaten beenden zu können. Auch wenn ich die Figuren vor der Niederschrift grob entwerfe, lerne ich sie erst während des Schreibens kennen. Mittlerweile ist mir jedes Mitglied der Mondstation vertraut, alle zwölf Leute mit ihren Eigenheiten, ihren Wünschen und Ängsten. Es ist leicht und billig, sich über die Figuren zu erheben, aber dieser Gefahr darf man nicht erliegen. Ich frage mich immer, wie ich nach fünfzehn Jahren der Isolation sein würde? Wie würde ich mich verändern? Wo wären die Auswege, um bei klaren Verstand zu bleiben? Von Versuchsteilnehmern weiß man, dass tägliche Routinen helfen. Aber wie lange trägt einen das?

Cela 14

Das neue Cover von »Cela 14« ist fertig. Die Novelle erschien unter dem Titel »Unter der Sonne von Cela 14«als Eröffnungsgeschichte in einer Anthologie und, obwohl es eine SF-Story ist, erhielt sie auch großen Zuspruch bei Menschen, die normalerweise gar keine phantastische Literatur lesen. Eine Leserin schrieb mir, dass der eigentliche Hauptcharakter der Planet wäre. Vielleicht hat sie gar nicht mal so unrecht. Noch heute fühle ich mich, wenn ich an diese lange Erzählung denke, als wäre ich wirklich auf Cela 14 gewesen mit dem Meer, dem bläulichen Strand, den Palmen, den affenähnlichen Wesen hoch oben in den Bäumen und nicht zuletzt dem weitläufigen Anliegen der Villa und deren Bediensteten. Jetzt endlich erscheint die Novelle auch als eigenständiges »Mini-eBook« in einem ansprechenden Gewand, mit einem neuen Cover, das ihr gerecht wird.

Doppelter Snobismus

Im Genre wird gerne über die Mainstreamliteratur geschimpft, die hochnäsig sei und auf alle anderen Literaturgattungen hinabsehe. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Doch es gibt auch den umgekehrten Snobismus im Genre, bei dem es als unfein gilt, literarisch zu anspruchsvoll zu sein. Man solle sich auf das Verfassen von guter Unterhaltung beschränken, alles andere sei anmaßend. Wer da mehr möchte, als »nur« unterhalten, gilt sehr schnell als Nestbeschmutzer. Das hat vermutlich immer noch mit Resten des alten Schubladendenkens zu tun, bei dem strikt zwischen U- und E-Literatur unterschieden wird, auch wenn diese alte Denke glücklicherweise nach und nach ad acta gelegt wird.

Sucht man nach anspruchsvoller phantastischer Literatur, wird man meistens eher bei älteren Werken fündig: Orwell, die Brüder Strugatzki und Lem seien als Beispiele genannt. Nicht zufällig handelt es sich bei ihnen nicht um US-amerikanische Autoren, die das phantastische Genre heute dominieren. Diese geben nach wie vor die Leitlinie vor, über Filme und Serien mit ordentlicher Breitenwirkung, an der sich der Rest der Welt literarisch orientiert. Der deutsche SF-Autor Dietmar Dath ist da die große Ausnahme, aber er richtet sich auch ausdrücklich nicht an das traditionelle SF-Lesepublikum, sondern an das Bildungsbürgertum, für das er alles Genrespezifische entsprechend aufbereitet und mit einem Wulst an politischen und gesellschaftlichen Theorien kaschiert. Als bekennender Marxist reiht er sich eher in die Riege der klassischen politischen AutorInnen ein, deren Ziel es ist, ein entsprechendes politisches Weltbild zu propagieren. Nicht ohne Grund werden seine Romane nicht als SF deklariert, die auf das bildungsbürgerliche Lesepublikum eher abschreckend wirken.

Obwohl die phantastische Literatur gerne einen Platz an der Sonne möchte und beständig gegen die andere Seite des Zaunes hämmert, scheint sie sich in ihrer Nische recht wohl zu fühlen. Immerhin kann man mit Bestsellern aufwarten und popkulturelle Phänomene erschaffen, die auch Nichtleser noch erreichen. Von Harry Potter über Darth Vader bis hin zu Mister Spock sind Charaktere entstanden, die weltweit bei Groß und Klein bekannt sind. Das ist in der Tat etwas, mit der die anspruchsvolle Mainstreamliteratur der letzten Jahrzehnte nur äußerst selten aufwarten kann. Und die Feuilletons der Zeitungen kommen auch nicht mehr darum, ausgesprochen erfolgreiche Genreromane zu besprechen.

Würde der gegenseitige Snobismus aufhören, wenn man die Genres abschaffen würde? Eine Maßnahme, für die Ursula Le Guin zu ihren Lebzeiten immer wieder geworben hat. Vermutlich wird es dazu nie kommen. Zu tief scheint mir der Begriff in die Identität als LeserIn oder AutorIn einzugreifen. Der Wunsch, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, die identitätsstiftend ist, funktioniert über Abgrenzungen zu anderen. Außerdem stößt dieses Konzept in der Verlagsbranche und bei Buchhändlern traditionell auf wenig Gegenliebe. Zu sehr sind sie auf die gezielte Ansprache ihrer Kundschaft aus, zu groß wäre die Verwirrung, einen Thomas Mann neben einen Tolkien zu stellen. Vielleicht führt der Weg über eine immer stärker werdende Vermischung der Genres, die sich seit einigen Jahren immer mehr abzeichnet? Oder zu dem Herausbilden immer neuer Subgenres, mit denen man immer weitere Nischen in der Nische schafft.

Die Passage

Das neue Cover von »Die Passage« ist fertig. Eine Erzählung über eine alte Kapitänin auf ihrer letzten Fahrt, die in GEGEN UNENDLICH 16 publiziert wurde und jetzt auch als eigenständiges »Mini-eBook« zu haben ist. In ihr wurden Science-Fiction-Elemente mit der nordenglischen Legende vom Rabenkönig John Uskglass verwoben.

Klappentext: Eine alte Raumschiffkapitänin befindet sich auf ihrer letzten Fahrt. Zwischenstopp vor dem Sprung durch die Passage ist ein geheimnisvoller Planet, auf dem sich eines der bekanntesten Heiligtümer des bekannten Universums befindet. Kurz vor ihrer Ankunft entdeckt die Crew eine blinde Passagierin, ein junges Mädchen, das nicht spricht. Die Kapitänin nimmt das Mädchen mit zum Heiligtum. Die Folgen sind weitreichend.

Lems »Solaris« oder die Unmöglichkeit, miteinander zu kommunizieren

Außerirdisches Leben ist die Königsdisziplin der Science-Ficton. Hier mischt sich unbegrenzte Phantasie mit den Grenzen der Naturwissenschaft. Was ist vorstellbar, was ist wissenschaftlich möglich? Stanisław Lem ist in »Solaris« einen ganz eigenen Weg gegangen. Er zeigt uns außerirdisches Leben, das so fremdartig ist, dass wir nicht in der Lage sind, es zu verstehen. Alle Kommunikationsversuche scheitern, der Mensch ist am Ende des Romans um keinen Deut schlauer. Das ist für heutige Lesende beinahe schon eine Zumutung. Es gibt keine Auflösung à la Hollywood, keinen genialen Plottwist oder Pointe am Ende, keine Erkenntnis außer der, dass der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist, allein in der unendlichen Weite des Alls.

Drei Verfilmungen, drei Ansätze

»Solaris« ist dreimal verfilmt worden und es ist interessant zu sehen, wie die Regisseure damit umgegangen sind. Die erste, im Westen weitgehend unbekannte Verfilmung, war eine russische TV-Produktion aus dem Jahre 1968 von Boris Nirenburg und Lidija Ischimbajewain. 1972 versuchte sich Andrei Arsenjewitsch Tarkowski an dem Roman. Seinem künstlerischen Naturell kam der Aufbau von »Solaris« sehr entgegen, aber ähnlich wie schon bei der Verfilmung von »Stalker«, die filmische Umsetzung des kongenialen Romans »Picknick am Wegesrand« seiner russischen Landsleute Arkadi und Boris Strugatzki, hat er etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Er hat sich der Rätselhaftigkeit der außerirdischen Lebensform gestellt und sie in seine eigene künstlerische Vision eingebaut. Herausgekommen ist ein philosophischer Film, der beim Ansehen ein ebensolches Gefühl der Fremdartigkeit erzeugt, wie die Romanlektüre. Handlungstechnisch hält Tarkowski sich weitgehend an die Vorlage. Zur Motivation, das komplexe Buch zu verfilmen, äußerte er sich folgendermaßen:

Lem [hat] in SOLARIS ein mir nahes Thema behandelt […] Es geht um den Konflikt zwischen Selbstüberwindung, gefestigter Überzeugung und sittlicher Wandlungsfähigkeit einerseits sowie mit den Bedingtheiten des eigenen Schicksals andererseits. Der geistige Horizont des Romans hat nichts mit der Gattung Science-fiction gemein. SOLARIS nur wegen des Genres zu schätzen, würde dem Gehalt nicht gerecht.

So wird Tarkowskis Ansatz eine philosophische Parabel auf das Leben, den Tod, die Liebe und Auferstehung.

Die Hollywoodverfilmung von Steven Soderbergh, genau 30 Jahre später gedreht, war erheblich  eingängiger. Sie wich der unangenehmen Komplexität des Romans aus und konzentrierte sich auf die Beziehung des Hauptcharakters zu seiner verstorbenen Frau, die Selbstmord begangen hat, und auf Solaris immer wieder auftaucht. Die Handlung wurde simplifiziert, womit das, was den Kern des Buches ausmacht, größtenteils ausgeblendet wird. Lem lehnte alle drei Verfilmungen ab. Zu Soderberghs Film äußerte er sich 2005 in einem Interview:

»Blödsinn! Absoluter Blödsinn. Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean als einer nicht-humanoiden Intelligenz – nicht auf irgendwelche zwischenmenschlichen Liebesgeschichten.«

Für Lem konzentrierten sich alle Verfilmungen zu sehr auf das menschliche Drama zwischen dem Hauptcharakter Kelvin und seiner Frau Harey, statt das für ihn zentrale Thema zu behandeln: Die Grenzen der menschlichen Erkenntnis im Kontakt zu einer absolut fremden Lebensform. Ob er mit dieser Selbsteinschätzung richtig lag, wäre allerdings noch zu diskutieren.

Der Mensch im All

Lem, obwohl gemeinhin der hard-SF zugeordnet, beschäftigt sich in »Solaris« intensiv mit dem, was der Aufenthalt im Einflussbereich des fremden Planeten mit den Menschen macht. Er schildert die innere Verwüstung der drei Männer detailliert und eindringlich. Darüber werden nicht nur die Stationsbewohner charakterisiert, sondern zugleich auch die unendlich fremdartige Lebensform des Ozeans, der den Planeten bedeckt. Lem zeigt aber auch im Verhältnis von Kelvin zu seiner Frau die menschliche Schwierigkeit, sich zu verstehen und zueinanderzufinden. Genauso fremd, wie Kelvin der lebendige Ozean bliebt, bleibt ihm am Ende auch seine eigene Frau. Das Weltall ist bedeutsam in dem, was es im Menschen auslöst. Die Auswirkungen auf die Psyche, wenn man längere Zeit unter erschwerten Bedingungen auf engstem Raum eingepfercht mit anderen Menschen lebt, gibt großartige Möglichkeiten für einen Roman, und zeigt uns gleichzeitig die menschlichen Grenzen auf. Der Mensch ist nicht für die Unendlichkeit geschaffen. Am Ende sieht der Mensch immer nur sich selbst.

Arbeitsjournal – Shackleton II

Man entwirft einen Roman. Einen SF-Roman. Die Grundidee einer Hintergrundgeschichte ist da, Figuren gesellen sich hinzu, Handlungsstränge. Seite um Seite wird geschrieben. Und dann kommt die Realität und walzt eure kleine Idee einfach platt. Was vor Covid 19 noch gegangen wäre, kann man jetzt nicht mehr bringen. Ihr setzt euch hin und versucht, die Sache ein wenig zu verfremden, von der Realität, die die Fiktion eingeholt hat, weg zu entwickeln. Vorsichtig dröselt ihr alles wieder auf. Es ist wahr, dass Science-Fiction von der Gegenwart und nicht von der Zukunft spricht. Und unsere Gegenwart verändert sich gerade dramatisch.