Buster Keaton lächelt nicht

Diese phantastische Erzählung ist eine der wenigen meiner Texte der letzten Jahre, die nicht der SF zuzuordnen ist. Sie ist vermutlich die ruhigste aller meiner Geschichten. Sie ist so ruhig, dass man ihr eigentlich nichts zutraut. In der Anthologie, in der sie erschien, wurde sie irgendwo in die Mitte gepackt, wo alle Geschichten landen, über die man sich nicht so ganz im Klaren ist. Sie ist voller Sehnsucht und Melancholie und Hoffnung, wie die Liebe. Nun gibt es »Buster Keaton lächelt nicht« als separates Mini-eBook mit passendem Cover überall da, wo es eBooks gibt.

Doppelter Snobismus

Im Genre wird gerne über die Mainstreamliteratur geschimpft, die hochnäsig sei und auf alle anderen Literaturgattungen hinabsehe. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Doch es gibt auch den umgekehrten Snobismus im Genre, bei dem es als unfein gilt, literarisch zu anspruchsvoll zu sein. Man solle sich auf das Verfassen von guter Unterhaltung beschränken, alles andere sei anmaßend. Wer da mehr möchte, als »nur« unterhalten, gilt sehr schnell als Nestbeschmutzer. Das hat vermutlich immer noch mit Resten des alten Schubladendenkens zu tun, bei dem strikt zwischen U- und E-Literatur unterschieden wird, auch wenn diese alte Denke glücklicherweise nach und nach ad acta gelegt wird.

Sucht man nach anspruchsvoller phantastischer Literatur, wird man meistens eher bei älteren Werken fündig: Orwell, die Brüder Strugatzki und Lem seien als Beispiele genannt. Nicht zufällig handelt es sich bei ihnen nicht um US-amerikanische Autoren, die das phantastische Genre heute dominieren. Diese geben nach wie vor die Leitlinie vor, über Filme und Serien mit ordentlicher Breitenwirkung, an der sich der Rest der Welt literarisch orientiert. Der deutsche SF-Autor Dietmar Dath ist da die große Ausnahme, aber er richtet sich auch ausdrücklich nicht an das traditionelle SF-Lesepublikum, sondern an das Bildungsbürgertum, für das er alles Genrespezifische entsprechend aufbereitet und mit einem Wulst an politischen und gesellschaftlichen Theorien kaschiert. Als bekennender Marxist reiht er sich eher in die Riege der klassischen politischen AutorInnen ein, deren Ziel es ist, ein entsprechendes politisches Weltbild zu propagieren. Nicht ohne Grund werden seine Romane nicht als SF deklariert, die auf das bildungsbürgerliche Lesepublikum eher abschreckend wirken.

Obwohl die phantastische Literatur gerne einen Platz an der Sonne möchte und beständig gegen die andere Seite des Zaunes hämmert, scheint sie sich in ihrer Nische recht wohl zu fühlen. Immerhin kann man mit Bestsellern aufwarten und popkulturelle Phänomene erschaffen, die auch Nichtleser noch erreichen. Von Harry Potter über Darth Vader bis hin zu Mister Spock sind Charaktere entstanden, die weltweit bei Groß und Klein bekannt sind. Das ist in der Tat etwas, mit der die anspruchsvolle Mainstreamliteratur der letzten Jahrzehnte nur äußerst selten aufwarten kann. Und die Feuilletons der Zeitungen kommen auch nicht mehr darum, ausgesprochen erfolgreiche Genreromane zu besprechen.

Würde der gegenseitige Snobismus aufhören, wenn man die Genres abschaffen würde? Eine Maßnahme, für die Ursula Le Guin zu ihren Lebzeiten immer wieder geworben hat. Vermutlich wird es dazu nie kommen. Zu tief scheint mir der Begriff in die Identität als LeserIn oder AutorIn einzugreifen. Der Wunsch, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, die identitätsstiftend ist, funktioniert über Abgrenzungen zu anderen. Außerdem stößt dieses Konzept in der Verlagsbranche und bei Buchhändlern traditionell auf wenig Gegenliebe. Zu sehr sind sie auf die gezielte Ansprache ihrer Kundschaft aus, zu groß wäre die Verwirrung, einen Thomas Mann neben einen Tolkien zu stellen. Vielleicht führt der Weg über eine immer stärker werdende Vermischung der Genres, die sich seit einigen Jahren immer mehr abzeichnet? Oder zu dem Herausbilden immer neuer Subgenres, mit denen man immer weitere Nischen in der Nische schafft.

Das Herbstprogramm der »Hobbit Presse«

Die »Hobbit Presse« hat ihr Herbstprogramm vorgestellt. Wenn die Fantasysparte von Klett-Cotta ihre neuen Bücher vorstellt, schaue ich mit großer Vorfreude und Spannung hin. Schließlich legen sie immer wieder Perlen der phantastischen Literatur auf. Aber bei der Durchsicht des Herbstprogramms bekomme ich den Eindruck, dass wir mittlerweile fast nur noch us-amerikanische Bestseller in Deutschland zu lesen bekommen. Das ist nicht zwangsläufig schlecht, aber schon ein wenig einseitig. Natürlich ist das aus kaufmännischer Sicht nachvollziehbar. Indem man Lizenzen für Bücher kauft, die sich in den USA gut verkauft haben, geht man ein geringeres verlegerisches Risiko ein. Schließlich ist zu erwarten, dass diese Bücher auch in Deutschland ihre Leser finden werden. Aber in Zeiten, wo so häufig von Diversität die Rede ist, täte ein wenig mehr Bandbreite gut.

Vorstellung GEGEN UNENDLICH 14

Nach zwei Jahren waren wir wieder zu Gast in der Buchhandlung Böttger. Es kommt selten vor, dass sich dort so unterschiedliche Autoren zu einer Lesung zusammenfinden, wie bei der Vorstellung von GEGEN UNENDLICH 14. So wurde es ein bunter, abwechslungsreicher Abend, der ein breites Spektrum phantastischer Literatur abdeckte.

Oben im Bild von rechts nach links: Uwe W. Appelbe, Friedrich Wilhelm Korff, ich, Andreas Fieberg.

»MŒBIUS« vom 15.9.2019 – 16.2.2020 in Brühl

Moebius Brühl
Abb.: Arzak le rocher, 1995, Gouache und Acryl auf Papier © 2019 Moebius Production

Vor einigen Jahren brachte das Max Ernst Museum in Brühl eine großartige Ausstellung der künstlerischen Arbeiten von Tim Burton. Horden von nerdigen Typen warteten geduldig in einer langen Schlange an der einzigen Kasse des Hauses, das auf einen solchen Ansturm kaum vorbereitet war. Ich habe noch nie ein solch buntes Durcheinander in einer Museumsausstellung gesehen, es war ein Riesenspaß.

Jetzt widmet sich das Max Ernst Museum in einer neuen Ausstellung den Bilderwelten des französischen Comiczeichners Jean Giraud, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Moebius:

Das Max Ernst Museum Brühl des LVR zeigt eine Ausstellung mit visionären Bildwelten des bedeutenden französischen Comiczeichners und Szenaristen Jean Giraud (1938-2012), der unter dem Namen »Mœbius« international bekannt geworden ist. Mœbius erforschte die Sphären der Träume und der Science-Fiction. Mit seiner immensen Imaginationskraft schuf er in präziser Strichführung surreale Welten im ständigen Fluss. In seinen Geschichten treffen utopische Architekturen und futuristische, menschenüberfüllte Megametropolen auf Wüstenlandschaften und schamanistische Reisen durch Raum und Zeit.

Bei Mœbius verschwimmen die Genregrenzen zwischen Comicstrip und Kunst. Seine fantastischen Erzählungen werden für den Betrachter dabei zur Seelenreise in das Ich des großen Meisters der Linie und damit in unbekannte Bereiche der Fantasie, die überraschend detailgenau und suggestiv Form annehmen.

Die Ausstellung widmet sich dem umfangreichen Werk von Mœbius und seinen komplexen Bildgeschichten: Ausgehend von seinen Notizbüchern (»Carnets«), in denen er grundlegende Ideen seiner Bildproduktion konzentriert hat, über skizzenhafte Zeichnungen, szenisch gegliederte Comicfolgen, abstrakte Gemälde bis hin zu populären Druckgrafiken wird das Spektrum seiner faszinierenden Zeichenkunst ausgebreitet.

»GEGEN UNENDLICH«: Die Jubiläumsnummer

GU 10 CoverMitten in unseren Umzug fiel die Veröffentlichung der Jubiliäumsnummer von »GEGEN UNENDLICH«. Seit knapp zwei Jahren und mit nunmehr der zehnten Ausgabe bringt die ebook-Reihe aus dem weiten Feld der phantastischen Literatur einen bunten Mix zeitgenössischer und klassischer Autoren.
Auch diesmal haben wir wieder eine abwechslungsreiche Sammlung für unsere LeserInnen zusammengestellt. Lesen Sie in der Jubiläumsnummer von verblüffenden Erfindungen, von denen Unbefugte besser die Finger lassen (Uwe Hermann, »Der Einfänger«), von Weltraumjägern, deren Kindheitssehnsucht sich auf grausame Weise erfüllt (Silke Jahn-Awe, »Kampfpiloten«), und von einem »Haus am Ende der Träume« (Michael Siefener). In der Klassiker-Abteilung gibt es diesmal nicht weniger als drei Beiträge, und zwar eine Neuübersetzung von Sakis boshafter Geschichte »Die Musik auf dem Hügel«, eine Übersetzung von Julius Longs verstörender Story »Der bleiche Gast« (im Original zuerst im »Weird Tales Magazine« erschienen) und eine Neuveröffentlichung von Hanns Heinz Ewers surrealer Groteske »Mein Begräbnis«. Daneben sind wie gewohnt die Herausgeber Blasius, Fieberg und Pack mit je einem Beitrag vertreten.
Das Titelmotiv stammt diesmal wieder von Stefan Böttcher und ist eines meiner Favoriten. Anlässlich des Jubiläums haben wir die künstlerischen Vorlagen für die zurückliegenden Titelillustrationen Revue passieren lassen und die Coverbilder aller Ausgaben versammelt. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre.

GEGEN UNENDLICH Nr. 8

cover_gegen_unendlichZu Beginn der dunklen Jahreszeit erscheint die Nummer 8 unserer eBook-Reihe im entsprechenden Gewandt, welches uns von Crossvalley Smith auf den Leib geschneidert wurde. Die Erzählungen in der aktuellen Ausgabe handeln von Gespenstern und dem Tod, rheinischem Karneval und einem Kostümball, der ein böses Ende nimmt, von einer fatalen Séance und einer widerrechtlichen Erbschaft, die sich gegen ihren Erben richtet, einem Kuhhandel mit dem Jenseits und der digitalen Weiterentwicklung des Geschichtenerzählens, mit dem sich der Kreis von Alt und Neu schließt.

DIE STORYS:

Michael Blasius: »Der Geist von Melaten«
Christian Weis: »Romangeister«
Joachim Pack: »Die Liste«
Michael Siefener: »Das Erbe«
Andreas Fieberg: »Wo sich die Geister scheiden«
Gustav Meyrink: »Der Mann auf der Flasche«

Voyager

1781119_623916197685999_555754049270840656_oLange hat mir keine Neueröffnung in Bonn, dieser bissig-spießigen, zum bildungsbürgerlichen Mainstream neigenden Stadt, solche Freude gemacht wie das neue Projekt einiger Unentwegter: das Voyager. Hier finden Brettspieler, Nerds, Science-Fiction und Fantasy-Fans ein neues Zuhause. Unbedingt mal reinschauen, wenn man in der Nähe ist. Das Voyager ist ein schönes Beispiel dafür, dass eine Stadt nicht dadurch interessanter wird, dass Tausende neue Mitarbeiter von Post, Telekom und Postbank hinziehen, sondern dass kreative Köpfe was auf die Füße stellen. Die Getränkekarte lockt mit etlichen, sehr leckeren Sachen, und für das leibliche Wohl ist auch gesorgt.

pandora

pandoraBeim Durchforsten meiner Sammlung von Literaturmagazinen aus den letzten fünfundzwanzig Jahren, die sich in allen Formen, Größen und Farben in den Regalbrettern und Ordnern tummeln, manche regional beschränkt und nur bei ausgewählten Läden und Copyshops erhältlich, manche sogar mit einer ISSN-Nummer versehen, und auch so einige, die direkt nach der ersten Ausgabe das Erscheinen einstellten, fielen mir wieder die Ausgaben von »pandora« ins Auge. »pandora«, verlegt im Shayol-Verlag, war der Versuch, in Deutschland ein anspruchsvolles Magazin zur Science – fiction und Fantasy herauszugeben. Was Hanns Riffel, vielen bekannt als Mitinhaber der SF-Buchhandlung »Otherland« in Berlin, auf die Füße stellte, hatte es in unserem Lande so lange nicht gegeben. Als großer Freund der »Alien Contact«-Seiten kaufte ich mir die erste Ausgabe sofort nach ihrem Erscheinen und war, anders kann ich es nicht sagen, einigermaßen beeindruckt. Der schon im Vorwort deutlich gemachte Anspruch wurde von Namen wie J.G Ballard, Ursula K Le Guin, Dietmar Dath, Tad Williams und Boris Strugatzki unterstrichen. Das Ganze war eine wilde Mischung aus Prosa und Sachtexten, die alle eins sein wollten: nicht weniger anspruchsvoll als das, was gemeinhin als Genre der realistischen oder mimetischen Literatur fungiert. Passend dazu fand sich auch gleich zu Beginn ein Artikel von Ursula Le Guin zum Thema Genre, der gleichzeitig für die Haltung des Magazins stehen mag. David Pringel scPandora4_Cover_0400pxhrieb seine »Überlegungen zur Novelle« und behandelte damit wohl die edelste Form, in der Literatur erscheinen kann.  Die Prosa und Rezensionen standen dem Anspruch der Sachtexte in nichts nach. Nachdem ich die erste Ausgabe durchgeblättert hatte, bestellte ich ohne zu Zögern ein Abo. Ausgabe 2 und 3 trafen in gewohnter Qualität ein, Band 4 folgte, dann war Schluss. Die fünfte Ausgabe erschien nicht mehr; Hans Riffel und Jakob Schmidt, letzterer seit Ausgabe Nummer 3 als Mitherausgeber dabei, hatten das Handtuch geworfen. Im Vorwort des vierten Bandes wird der Mangel an Zeit genannt, ein solch ambitioniertes Projekt weiter auf dem Niveau zu führen. Auf der Seite des Shayol-Verlags sind die Ausgaben von »pandora« noch erhältlich.