Vom Schreiben und Lesen

Schreiben, genauso wie das Lesen, ist ein großes Paradoxon der Menschheit. Warum soll man seine Lebenszeit damit verbringen, sich mit Geschichten fiktiver Figuren zu beschäftigen? Es scheint auf den ersten Blick wenig Sinn zu machen. Statt selbst zu leben, nehme ich am Leben eines anderen Menschen teil, der noch nicht einmal existiert. Warum das Ganze?

Noch augenfälliger wird die Frage bei Menschen, die mehrere Stunden täglich damit zubringen, die Geschichten ausgedachter Charaktere niederzuschreiben. Tagein, tagaus, über Jahre und Jahrzehnte hinweg verbringen wir gedanklich in unseren ausgedachten Welten, opfern einen großen Teil unserer Lebenszeit mit einer Art von gelenkten Tagträumen, oder, wenn man es weniger nett ausgedrückt, verrückten Spinnereien.

Die Antwort auf die Frage scheint mir in dem merkwürdigen Phänomen zu stecken, das wir schlicht und einfach Geschichten nennen. Egal, ob ausgedacht oder nicht, begleiten sie die Menschheit seit ihrem Anbeginn an. Wir alle lieben Geschichten, hören ihnen gerne zu und erzählen sie auch gerne weiter. Wir lesen sie in Büchern und verfolgen sie als bewegte Bilder. Früher, so heißt es, dienten sie vor allem religiösen Zwecken, waren eine Art der Welterklärung für all das Unerklärliche der menschlichen Existenz und der Welt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Bibel ihre Inhalte in Form von Geschichten erzählt. Jesus machte sehr häufig von Gleichnissen Gebrauch, um Dinge zu erklären. Geschichten übersetzen das Abstrakte ins Konkrete, in eine Art von Sprache, die unserem Verständnis am nahesten kommt. Müssen wir ein abstraktes philosophisches Werk erst »übersetzten«, so ist die Geschichte direkt verständlich und anschaulich. Und natürlich zerstreuen und unterhalten sie uns, machen uns Freude, bringen uns zum Lachen oder Weinen, oder jagen uns eine Heidenangst ein. Geschichten appellieren mehr an die Gefühle als an den Verstand. Manche schreiben ihnen einen Nutzen zu, andere sprechen ihnen diesen ab, aber für mich ist vor allem ihre Nutzlosigkeit, die mich anzieht. Wir brauchen sie nicht zum Leben, oder vielleicht doch, aber sie entziehen sich der praktischen Verwertbarkeit viel mehr, als manchen lieb ist. Das ist ein Grund, warum ich auf die gutgemeinten Antworten, warum man Lesen sollte, ein wenig zusammenzucke. Lesekompetenz oder Empathie mögen nette Begleiterscheinungen sein, aber sind sicherlich nicht der schönste Grund, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Aber zu guter Letzt bleiben mir Geschichten auch nach Jahrzehnten der intensiven Beschäftigung noch ein Rätsel. Sie bleiben ein Mysterium, verbergen ihre Geheimnisse vor mir, die es vielleicht gar nicht gibt. Ich verstehe sie nicht, und doch machen sie mich glücklich. Geschichten erlösen uns von der Zumutung, immer nur wir selbst sein zu müssen. Für mich nach wie vor der stärkste Antrieb – beim Lesen und beim Schreiben.

Doppelter Snobismus

Im Genre wird gerne über die Mainstreamliteratur geschimpft, die hochnäsig sei und auf alle anderen Literaturgattungen hinabsehe. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Doch es gibt auch den umgekehrten Snobismus im Genre, bei dem es als unfein gilt, literarisch zu anspruchsvoll zu sein. Man solle sich auf das Verfassen von guter Unterhaltung beschränken, alles andere sei anmaßend. Wer da mehr möchte, als »nur« unterhalten, gilt sehr schnell als Nestbeschmutzer. Das hat vermutlich immer noch mit Resten des alten Schubladendenkens zu tun, bei dem strikt zwischen U- und E-Literatur unterschieden wird, auch wenn diese alte Denke glücklicherweise nach und nach ad acta gelegt wird.

Sucht man nach anspruchsvoller phantastischer Literatur, wird man meistens eher bei älteren Werken fündig: Orwell, die Brüder Strugatzki und Lem seien als Beispiele genannt. Nicht zufällig handelt es sich bei ihnen nicht um US-amerikanische Autoren, die das phantastische Genre heute dominieren. Diese geben nach wie vor die Leitlinie vor, über Filme und Serien mit ordentlicher Breitenwirkung, an der sich der Rest der Welt literarisch orientiert. Der deutsche SF-Autor Dietmar Dath ist da die große Ausnahme, aber er richtet sich auch ausdrücklich nicht an das traditionelle SF-Lesepublikum, sondern an das Bildungsbürgertum, für das er alles Genrespezifische entsprechend aufbereitet und mit einem Wulst an politischen und gesellschaftlichen Theorien kaschiert. Als bekennender Marxist reiht er sich eher in die Riege der klassischen politischen AutorInnen ein, deren Ziel es ist, ein entsprechendes politisches Weltbild zu propagieren. Nicht ohne Grund werden seine Romane nicht als SF deklariert, die auf das bildungsbürgerliche Lesepublikum eher abschreckend wirken.

Obwohl die phantastische Literatur gerne einen Platz an der Sonne möchte und beständig gegen die andere Seite des Zaunes hämmert, scheint sie sich in ihrer Nische recht wohl zu fühlen. Immerhin kann man mit Bestsellern aufwarten und popkulturelle Phänomene erschaffen, die auch Nichtleser noch erreichen. Von Harry Potter über Darth Vader bis hin zu Mister Spock sind Charaktere entstanden, die weltweit bei Groß und Klein bekannt sind. Das ist in der Tat etwas, mit der die anspruchsvolle Mainstreamliteratur der letzten Jahrzehnte nur äußerst selten aufwarten kann. Und die Feuilletons der Zeitungen kommen auch nicht mehr darum, ausgesprochen erfolgreiche Genreromane zu besprechen.

Würde der gegenseitige Snobismus aufhören, wenn man die Genres abschaffen würde? Eine Maßnahme, für die Ursula Le Guin zu ihren Lebzeiten immer wieder geworben hat. Vermutlich wird es dazu nie kommen. Zu tief scheint mir der Begriff in die Identität als LeserIn oder AutorIn einzugreifen. Der Wunsch, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, die identitätsstiftend ist, funktioniert über Abgrenzungen zu anderen. Außerdem stößt dieses Konzept in der Verlagsbranche und bei Buchhändlern traditionell auf wenig Gegenliebe. Zu sehr sind sie auf die gezielte Ansprache ihrer Kundschaft aus, zu groß wäre die Verwirrung, einen Thomas Mann neben einen Tolkien zu stellen. Vielleicht führt der Weg über eine immer stärker werdende Vermischung der Genres, die sich seit einigen Jahren immer mehr abzeichnet? Oder zu dem Herausbilden immer neuer Subgenres, mit denen man immer weitere Nischen in der Nische schafft.

Das Herbstprogramm der »Hobbit Presse«

Die »Hobbit Presse« hat ihr Herbstprogramm vorgestellt. Wenn die Fantasysparte von Klett-Cotta ihre neuen Bücher vorstellt, schaue ich mit großer Vorfreude und Spannung hin. Schließlich legen sie immer wieder Perlen der phantastischen Literatur auf. Aber bei der Durchsicht des Herbstprogramms bekomme ich den Eindruck, dass wir mittlerweile fast nur noch us-amerikanische Bestseller in Deutschland zu lesen bekommen. Das ist nicht zwangsläufig schlecht, aber schon ein wenig einseitig. Natürlich ist das aus kaufmännischer Sicht nachvollziehbar. Indem man Lizenzen für Bücher kauft, die sich in den USA gut verkauft haben, geht man ein geringeres verlegerisches Risiko ein. Schließlich ist zu erwarten, dass diese Bücher auch in Deutschland ihre Leser finden werden. Aber in Zeiten, wo so häufig von Diversität die Rede ist, täte ein wenig mehr Bandbreite gut.

Lems »Solaris« oder die Unmöglichkeit, miteinander zu kommunizieren

Außerirdisches Leben ist die Königsdisziplin der Science-Ficton. Hier mischt sich unbegrenzte Phantasie mit den Grenzen der Naturwissenschaft. Was ist vorstellbar, was ist wissenschaftlich möglich? Stanisław Lem ist in »Solaris« einen ganz eigenen Weg gegangen. Er zeigt uns außerirdisches Leben, das so fremdartig ist, dass wir nicht in der Lage sind, es zu verstehen. Alle Kommunikationsversuche scheitern, der Mensch ist am Ende des Romans um keinen Deut schlauer. Das ist für heutige Lesende beinahe schon eine Zumutung. Es gibt keine Auflösung à la Hollywood, keinen genialen Plottwist oder Pointe am Ende, keine Erkenntnis außer der, dass der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist, allein in der unendlichen Weite des Alls.

Drei Verfilmungen, drei Ansätze

»Solaris« ist dreimal verfilmt worden und es ist interessant zu sehen, wie die Regisseure damit umgegangen sind. Die erste, im Westen weitgehend unbekannte Verfilmung, war eine russische TV-Produktion aus dem Jahre 1968 von Boris Nirenburg und Lidija Ischimbajewain. 1972 versuchte sich Andrei Arsenjewitsch Tarkowski an dem Roman. Seinem künstlerischen Naturell kam der Aufbau von »Solaris« sehr entgegen, aber ähnlich wie schon bei der Verfilmung von »Stalker«, die filmische Umsetzung des kongenialen Romans »Picknick am Wegesrand« seiner russischen Landsleute Arkadi und Boris Strugatzki, hat er etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Er hat sich der Rätselhaftigkeit der außerirdischen Lebensform gestellt und sie in seine eigene künstlerische Vision eingebaut. Herausgekommen ist ein philosophischer Film, der beim Ansehen ein ebensolches Gefühl der Fremdartigkeit erzeugt, wie die Romanlektüre. Handlungstechnisch hält Tarkowski sich weitgehend an die Vorlage. Zur Motivation, das komplexe Buch zu verfilmen, äußerte er sich folgendermaßen:

Lem [hat] in SOLARIS ein mir nahes Thema behandelt […] Es geht um den Konflikt zwischen Selbstüberwindung, gefestigter Überzeugung und sittlicher Wandlungsfähigkeit einerseits sowie mit den Bedingtheiten des eigenen Schicksals andererseits. Der geistige Horizont des Romans hat nichts mit der Gattung Science-fiction gemein. SOLARIS nur wegen des Genres zu schätzen, würde dem Gehalt nicht gerecht.

So wird Tarkowskis Ansatz eine philosophische Parabel auf das Leben, den Tod, die Liebe und Auferstehung.

Die Hollywoodverfilmung von Steven Soderbergh, genau 30 Jahre später gedreht, war erheblich  eingängiger. Sie wich der unangenehmen Komplexität des Romans aus und konzentrierte sich auf die Beziehung des Hauptcharakters zu seiner verstorbenen Frau, die Selbstmord begangen hat, und auf Solaris immer wieder auftaucht. Die Handlung wurde simplifiziert, womit das, was den Kern des Buches ausmacht, größtenteils ausgeblendet wird. Lem lehnte alle drei Verfilmungen ab. Zu Soderberghs Film äußerte er sich 2005 in einem Interview:

»Blödsinn! Absoluter Blödsinn. Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean als einer nicht-humanoiden Intelligenz – nicht auf irgendwelche zwischenmenschlichen Liebesgeschichten.«

Für Lem konzentrierten sich alle Verfilmungen zu sehr auf das menschliche Drama zwischen dem Hauptcharakter Kelvin und seiner Frau Harey, statt das für ihn zentrale Thema zu behandeln: Die Grenzen der menschlichen Erkenntnis im Kontakt zu einer absolut fremden Lebensform. Ob er mit dieser Selbsteinschätzung richtig lag, wäre allerdings noch zu diskutieren.

Der Mensch im All

Lem, obwohl gemeinhin der hard-SF zugeordnet, beschäftigt sich in »Solaris« intensiv mit dem, was der Aufenthalt im Einflussbereich des fremden Planeten mit den Menschen macht. Er schildert die innere Verwüstung der drei Männer detailliert und eindringlich. Darüber werden nicht nur die Stationsbewohner charakterisiert, sondern zugleich auch die unendlich fremdartige Lebensform des Ozeans, der den Planeten bedeckt. Lem zeigt aber auch im Verhältnis von Kelvin zu seiner Frau die menschliche Schwierigkeit, sich zu verstehen und zueinanderzufinden. Genauso fremd, wie Kelvin der lebendige Ozean bliebt, bleibt ihm am Ende auch seine eigene Frau. Das Weltall ist bedeutsam in dem, was es im Menschen auslöst. Die Auswirkungen auf die Psyche, wenn man längere Zeit unter erschwerten Bedingungen auf engstem Raum eingepfercht mit anderen Menschen lebt, gibt großartige Möglichkeiten für einen Roman, und zeigt uns gleichzeitig die menschlichen Grenzen auf. Der Mensch ist nicht für die Unendlichkeit geschaffen. Am Ende sieht der Mensch immer nur sich selbst.

Die O und die 1

ISBN: 978-3-7487-4081-0

Als ich in den 80er mit dem Lesen anfing, gab es eine strikte Trennung zwischen Fantasy und Science-Fiction. Das bezog sich nicht nur auf die Geschichten, sondern auch auf die Leserschaft. Man las entweder das eine oder das andere. Mittlerweile hat sich da einiges getan. »Die 0 und die 1« wurde nicht für eine Anthologie oder für ein bestimmtes Magazin geschrieben, sondern rein aus Spaß an der Freude. Letztes Jahr erschien die Geschichte als eBook.

Aus dem Klappentext: Lygas, genannt der Suchende, macht sich mit seiner Tochter Sentia zu einem geheimnisvollen Ort tief in den Bergen auf, den die Verschwundenen dort vor langer Zeit errichtet hatten. Zusammen mit Sentia dringt er weit in das unterirdische System vor und macht eine Entdeckung, für die er einen hohen Preis zahlen muss.

Lesen

Heute kamen die Wahlunterlagen für den Kurd Laßwitz Preis 2021 vom unermüdlichen Udo Klotz rein. Zur diesjährigen Wahl konnte ich keine Vorschläge beisteuern und werde auch nicht abstimmen, weil ich im ganzen letzten Jahr keine zeitgenössische SF gelesen habe. Genaugenommen habe ich gar keine SF gelesen. Was wohl damit zusammenhängt, dass ich gerade einen Roman in dem Bereich schreibe.

Stattdessen habe ich zu Beginn der Pandemie einige alte Bücher zur Hand genommen, die ich vor lange Zeit gelesen habe, und damit begonnen, die Romane von Tad Williams um den Drachenbeinthron wiederzulesen. Wuchtige Hardcoverausgaben, die damals für mich als Schüler eine ganz schöne finanzielle Herausforderung darstellten. Es war die schöne Zeit gewesen, als man ausschließlich aus der Freude am Lesen heraus gelesen hat, der Snobismus kam erst später während des Studiums. Ich habe viele Jahre gebraucht, um wieder mit dieser schlichten Freude des Jugendlichen lesen zu können.

Die Saga von Tad Williams liest sich immer noch gut. Mittlerweile bin ich im Letzten der vier Bände angekommen, und das große Finale steht unausweichlich bevor. Und da ich mich an nichts mehr erinnern kann, bleibt es spannend.

Čechov

»Wenn man zu Hause lebt, in seinem Zimmer, erscheint einem das Leben normal, aber kaum geht man hinaus auf die Straße und beginnt zu beobachten, auszufragen, Frauen zum Beispiel, so ist das Leben – schrecklich.«
Anton Čechov

Während des Studiums Mitte der 90er Jahre wurde ich auf Anton Čechov aufmerksam. Ich war wegen seiner Meisterschaft in der kurzen Form ziemlich beeindruckt, aber auch wegen seiner Beobachtungsgabe und der Menschenkenntnis, die den Mediziner erkennen ließen. Aufgrund seiner Tätigkeit als Arzt, die ihm zeitlebens genauso wichtig war wie seine Schriftstellerei, schien er mir mehr im Leben zu stehen als ein hauptberuflicher Autor. Das ließ mich den Aspekt des Brotberufes neu überdenken. Jetzt nahm ich erneut seine Notizbücher zur Hand und mir fielen wieder die Gründe ein, warum ich ihn damals so begeistert gelesen habe:

»Sie müssen anständige, gut gekleidete Kinder haben, ihre Kinder müssen ebenfalls eine schöne Wohnung und Kinder haben, und deren Kinder ebenfalls Kinder und schöne Wohnungen, aber wozu das alles – weiß der Teufel.«

(aus: Anton Čechov, Tagebücher/ Notizbücher, herausgegeben und übersetzt von Peter Urban, Diogenes, 1983)

Nominierungen für den KLP 2019

Es ist mal wieder so weit. Wie jedes Jahr um diese Zeit wurden die Nominierungen für den Kurd-Laßwitz-Preis bekanntgegeben und wie jedes Jahr blickt die kleine deutsche SF-Szene auf die Liste der Kandidatinnen und Kandidaten. Im Gegensatz zum Deutschen Phantastik Preis, bei dem einige Tausend Leserinnen und Leser an der Abstimmung teilnehmen, handelt es sich beim KLP um keinen Publikumspreis, sondern die Aktiven der SF-Szene wählen die Preisträger aus ihren eigenen Reihen.

GEGEN UNENDLICH ist zum ersten Mal dabei und wurde gleich einige Male nominiert: Für Stefan Lammers Kurzerzählung »Acht Grad« und Matthias Ramtkes längere Geschichte »In der Grube«, beide aus GU 14. Neben einem guten Inhalt haben wir auch immer ein Augenmerk auf eine gute Covergraphik gehabt. Deswegen freue ich mich besonders über die drei Nominierungen in dieser Kategorie von Michael Hutter und von Stefan Böttcher, der gleich mit zwei Covern vertreten ist: Für das Titelmotiv der Nummer 14, »Alien Swamp« und von der Nummer 12 »24-7«. Michael Hutter wurde für sein Cover von der Nummer 13 nominiert (»Die Falle«).

Herzlichen Glückwunsch an alle Autoren und Künstler! Auch an Mitherausgeber Andreas Fieberg, der mit seiner Erzählung »1 Million Affen« nominiert ist. Eine Erzählung, die nicht nur einen tollen Titel besitzt.

Vorstellung GEGEN UNENDLICH 14

Nach zwei Jahren waren wir wieder zu Gast in der Buchhandlung Böttger. Es kommt selten vor, dass sich dort so unterschiedliche Autoren zu einer Lesung zusammenfinden, wie bei der Vorstellung von GEGEN UNENDLICH 14. So wurde es ein bunter, abwechslungsreicher Abend, der ein breites Spektrum phantastischer Literatur abdeckte.

Oben im Bild von rechts nach links: Uwe W. Appelbe, Friedrich Wilhelm Korff, ich, Andreas Fieberg.

Ecken und Kanten

In der »Bibliothek von Babel« findet sich ein außergewöhnlicher Band, »Unliebsame Geschichten« von Léon Bloy. Das schmale Buch mit einer Handvoll von Erzählungen war seinerzeit meine erste Begegnung mit diesem Autor. Selten habe ich so etwas Scharfzüngiges und Polemisches, phasenweise sogar Bösartiges gelesen, das aber immer das Gefühl mit sich brachte, dass da jemand ziemlich genau hingeschaut und ohne falsche Rücksicht den Menschen dargestellt hat.

Später las ich einiges über den bemerkenswerten Lebenslauf von Bloy. Ein Mensch, mit unglaublichen biographischen Brüchen, Lebens- und Sinnkrisen und einer Radikalität, die kein Platz für ein Abwägen ließ. Er war entweder entflammt oder erzürnt, gänzlich hingegeben oder unerbittlicher Widersacher.

Wie immer man auch zu Léon Bloy stehen mag, er war ein Schriftsteller mit Ecken und Kanten. Er gönnte sich den Luxus einer eigenen Meinung, spottete und beleidigte, wenn sein Temperament mit ihm durchging, widmete sich den großen Themen Religion und Politik, an denen sich die Geister scheiden. Seine Radikalität überschritt häufig die Grenzen der Höflichkeit. Er hatte keine Sorgen, potentielle Leser mit seiner Meinung zu vergrätzen und sprach klar heraus. Solchen Autorentypus findet man nicht mehr häufig in der Öffentlichkeit. Querköpfe wie Handke sterben langsam aus. Die neue Autorengeneration ist smarter – und glatter. Was schon die Politiker beherzigen, wird auch von ihnen praktiziert: Mach Dich nicht angreifbar! Meide heikle Themen! Fall nicht negativ auf!

Natürlich macht das den Umgang mit ihnen erträglicher. Aber die »Unliebsamen Geschichten« zeigen, was uns allen dadurch entgeht.