Arbeitsjournal – Shackleton IX

Bradbury hat mal geschrieben, mal solle seine Charaktere laufen lassen. Nachdem ich ein weiteres Kapitel beendet und zwei neue skizziert habe, half mit dieser Ratschlag für das letzte Stück meines Romanes weiter. Es geht nicht darum, was ich als Autor will, sondern was die Figuren wollen. Und so lautete die Frage nicht, wie geht es weiter, sondern was würde dieser oder jener Charakter in dieser Situation tun. Dadurch entwickelt sich ein organisches Wachstum und man läuft weniger Gefahr, Handlungen zu konstruieren.

Obwohl es meine Angewohnheit ist, möglichst schnell und an fünf Tagen die Woche zu schreiben, lasse ich mir nun bewusst mehr Zeit. Nichts ist ärgerlicher, als am Ende die Nerven zu verlieren und den Roman zu verreißen. Es lässt sich nichts über das Knie brechen. Und gerade am Ende geht häufig die Puste aus und man macht Fehler, die man ansonsten nicht gemacht hätte. Also gönne ich mir immer wieder schreibfreie Tage, lasse Dinge sacken und führe sie dann etwas später in Ruhe aus.

Arbeitsjournal – Shackleton IX

Pünktlich zum Ende der Woche ein weiteres Kapitel beendet. Jetzt, im letzten Teil des Romans, spüre ich schon den Sog des Endes. So wie ein Wasserfall die Strömung des Flusses beschleunigt, in dem man schwimmt. Die folgenden vier, fünf Kapitel müssen noch geschrieben werden, die letzten beiden Kapitel sind bereits fertig. Nach dem obligatorischen schreibfreien Wochenende starte ich Montag ein neues Kapitel.

Arbeitsjournal – Shackleton VIII

Spätabends, während des Zähneputzens, fällt mir eine Szene ein. Die Stationsbewohner sitzen zusammen und unterhalten sich über abgebrochene Zähne. Sie diskutieren es fachmännisch, denn jeder hat Erfahrungen damit, da Karies nicht behandelt werden kann, detailverliebt, pragmatisch. Eine beinahe schon gogolhafte Szene und ich weiß sofort, dass sie an den Anfang des Romans muss. Schnell entwerfe ich einen kurzen Dialog. Ich habe das Bild meines weiblichen Hauptcharakters Dava vor Augen, kurz vor dem Gespräch, wie sie auf der Bettkante sitzt, deprimiert und ausgelaugt. Und auf einmal ist alles da. Am anderen Tag schreibe ich den Anfang des Shackleton-Romanes neu, das den Ton für alles Folgende vorgibt. Ein weiterer neuer Anfang, der dritte Durchlauf. Eine kleinschrittige Art zu schreiben, immer und immer wieder ansetzen, Bestehendes korrigieren, verfeinern, wegschlagen, ersetzen, aber der Roman wird immer mehr zu der Art von Geschichte, die ich erzählen will.

Arbeitsjournal – Shackleton VII

John Irving verglich einmal das Schreiben mit einem Ringkampf. Für mich ist es häufig eher ein behutsames Tasten. Einen Schritt gehen, ins Dunkle lauschen, dann ein weiterer Schritt. In schnellen Phasen komme ich kaum mit dem Schreiben hinterher, in anderen Momenten geht es langsam, aber beständig.

Beim Frühstück unterhielt ich mich mit meiner Frau darüber, welche Aspekte des Menschlichen die Pandemie in uns und unserem Umfeld freilegt. Es sind viele Filter zu durchlaufen, bevor Erfahrungen in einen Roman einfließen. Wie Wasser, was durch verschiedene Bodenschichten sickert, um endlich ins Grundwasser zu gelangen, braucht es auch bei mir eine Weile, bis ich das Erfahrene in mein Schreiben umsetzen kann. Es ist der Weg vom theoretischen Wissen zur praktischen Umsetzung. Jetzt, wo der Shackleton-Roman in seine entscheidende Phase einmündet, ist mir jeder Aspekt willkommen. Auch in den Tiefen des Alls bleibt der Mensch seiner Art treu.

Arbeitsjournal – Shackleton VI

Früh am Morgen. Ich stehe am Fenster, durch das die ersten Sonnenstrahlen fallen. Einen momentlang fühle ich die Ehrfurcht der Menschen vergangener Jahrhunderte, dass die Dunkelheit besiegt ist und ein neuer Tag anbricht. Die Stunden liegen jungfräulich vor einem, der Tag ist ein unbeschriebenes Blatt, alles ist möglich. Dann frühstücke ich und schreibe wie gewöhnlich bis zum Mittag an meinem Roman.

Arbeitsjournal – Shackleton V

Nachdem ich noch einmal an den Anfang zurückgekehrt war, bin ich nun wieder im letzten Drittel des Romans angelangt und hoffe, die letzte Fassung in drei, vier Monaten beenden zu können. Auch wenn ich die Figuren vor der Niederschrift grob entwerfe, lerne ich sie erst während des Schreibens kennen. Mittlerweile ist mir jedes Mitglied der Mondstation vertraut, alle zwölf Leute mit ihren Eigenheiten, ihren Wünschen und Ängsten. Es ist leicht und billig, sich über die Figuren zu erheben, aber dieser Gefahr darf man nicht erliegen. Ich frage mich immer, wie ich nach fünfzehn Jahren der Isolation sein würde? Wie würde ich mich verändern? Wo wären die Auswege, um bei klaren Verstand zu bleiben? Von Versuchsteilnehmern weiß man, dass tägliche Routinen helfen. Aber wie lange trägt einen das?

Arbeitsjournal – Shackleton IV

Jetzt, wo ich den Ton der Geschichte gefunden habe und das Zentrum klar ist, kann ich damit beginnen, alles Überflüssige wegzuschlagen. Es hat lange gebraucht, die Einstellungen von Dava, meinem zweiten Hauptcharakter, bis in die Einzelheiten zu erkunden. Nun geht es wieder gut voran. Ich habe damit begonnen, in den Anfangskapiteln des Romans aufzuräumen und stark zu straffen. Nach und nach kommt das Wesen der Geschichte zum Vorschein, ähnlich wie bei einer archäologischen Ausgrabung, die Schicht für Schicht das Erdreich abträgt. Es ist immer noch diese Mischung aus Handwerk und Intuition, die diese Arbeitsprozesse so schwer zu kalkulieren macht. Vor allem zeitlich. Aber ab einem gewissen Punkt stellt sich die Gewissheit ein, dass man den Roman zu einem guten Ende bringen wird. Dieser Punkt ist jetzt erreicht und stimmt zuversichtlich für die nächsten Monate.

Arbeitsjournal – Shackleton III

Die natürlichste Art, einen Roman zu schreiben, ist, anzufangen ohne sein Ende zu kennen. Die Geschichte erzählt sich selbst. Viele Autorinnen und Autoren, die sich als klassische Geschichtenerzähler verstehen, verfassen so ihre Romane. Wie Stephen King oder Cornelia Funke. Ray Bradbury schrieb, er ließe seine Hauptfiguren losrennen und folge ihnen dann nur noch. Es erfordert aber auch Erfahrung und eine stärkere Überarbeitung. Dafür bewahrt einen diese Technik vor dem verbreiteten Fehler, eine Geschichte zu konstruieren. Am Ende von Kapitel 24 stehe ich vor genau diesem Problem. Ich habe mir die Story in der ersten Fassung mit Gewalt hingebogen, und nun muss ich etliche Fehler und Unstimmigkeiten glattbügeln. Einerseits ein klassischer Planungsfehler, andererseits eine typische Gefahr beim »Plotting«. Es ist sehr mühsam, nachdem die letzten Arbeitstage sehr gut vorangegangen sind, aus vollem Lauf abzubremsen und sich hinzusetzen und zu überlegen, wie man die Ungereimtheiten in der Planung korrigiert. Aber es nützt nichts, Farbe auf eine rostige Fläche zu streichen. Man muss die Grundlagen korrigieren, auf denen die ganze Story fußt, sonst fällt alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn man genauer hinschaut.

Arbeitsjournal – Shackleton II

Man entwirft einen Roman. Einen SF-Roman. Die Grundidee einer Hintergrundgeschichte ist da, Figuren gesellen sich hinzu, Handlungsstränge. Seite um Seite wird geschrieben. Und dann kommt die Realität und walzt eure kleine Idee einfach platt. Was vor Covid 19 noch gegangen wäre, kann man jetzt nicht mehr bringen. Ihr setzt euch hin und versucht, die Sache ein wenig zu verfremden, von der Realität, die die Fiktion eingeholt hat, weg zu entwickeln. Vorsichtig dröselt ihr alles wieder auf. Es ist wahr, dass Science-Fiction von der Gegenwart und nicht von der Zukunft spricht. Und unsere Gegenwart verändert sich gerade dramatisch.

Arbeitsjournal – Shackleton I

Die Woche gut am Shackleton-Roman vorangekommen und das Kapitel 23 in der 2. Fassung beendet, Kapitel 24 begonnen. Der Roman entwickelt sich immer mehr zu einem Kammerspiel, ein Psychogramm von elf Menschen, die auf einer Mondstation leben und seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt zur Erde mehr haben.

Wie hält man diese Isolation in einer lebensfeindlichen Umgebung aus, wie verändert man sich im Umgang mit den immer gleichen Menschen, wie lebt man ohne Abwechslung, ohne ausreichende medizinische Versorgung, in der Ungewissheit, was auf der Erde geschehen ist? Ist es besser, die Hoffnung aufzugeben, jemals wieder zurückzukommen, oder kann man ohne Hoffnung nicht leben?

Die Charaktere haben im Laufe der letzten Monate ein Eigenleben bekommen, entwickeln sich anhand dieser Fragen weiter. Ich folge geduldig ihren Entwicklungen.