Social Media und das Ende der Blogs

Es muss so 2002 / 2003 gewesen sein, als mir ein Bekannter auf seinem Notebook etwas zeigte, das er seinen Blog nannte. Ich hatte noch nie von so etwas gehört und scrollte ein wenig in den Einträgen herum. Ehrlich gesagt wusste ich damals nicht so recht, was ich davon halten sollte. Mit einem unsicheren Lächeln gab ich ihn das Notebook zurück und er fing an zu erklären, was das alles war. Kurze Zeit später jedenfalls war ich angefixt genug, es selber auszuprobieren zu wollen. Damals, so muss man heute ja schon schreiben, waren Blogs das heiße Ding. Wer erinnert sich noch daran, wie sehr die Journalistinnen und Journalisten damals gegen diese Dinger angeschrieben haben, weil sie um ihren exklusiven Zugang zur Öffentlichkeit fürchteten? Einige Jahre später hatten viele von ihnen selbst einen eigenen Blog. Ich fing bei blogger.de an und erstellte »The Mad Tea Party«. Es war noch nicht so fürchterlich viel los gewesen und erheblich leichter, Aufmerksamkeit für seine Postings zu bekommen. Bald bildeten sich auch die ersten Alphablogger heraus und alles ging seinen Gang.

Die Ironie ist, dass mir durch die Nutzung von Instagram die Vorzüge des Blogs bewusst geworden sind. Hier bin ich noch Herr im Haus, hier kann ich mich einrichten, wie ich will, habe genügend Freiheiten und muss nicht fürchten, dass mit einer Änderung der Nutzungsbedingungen auf einmal alles für die Katz war. Außerdem kann jeder frei auf meine Inhalte zugreifen, ohne sich bei einem der Dienste anmelden zu müssen. Im Blog kann ich Gedanken Raum geben und Dinge vertiefen. Auch über 2200 Zeichen hinaus. Und man sollte vor Augen haben, dass bei den sozialen Medien von heute auf morgen einfach Schluss sein kann. Mit einem Blog ist sowas wohl eher die Ausnahme, bei Instagram gehört es durchaus zur Tagesordnung. Man sollte also sein Herz nicht daran hängen.

Trotzallem sind mittlerweile die meisten Autorinnen und Autoren zu den sozialen Medien abgewandert. Erst war es Facebook, dann Twitter und später Instagram. Mein »Datenhafen« wirkt da schon ein wenig antiquiert. Es werden keine Texte mehr im Netz gelesen, heißt es, erst recht keine längeren. Instagram ist da die logische Konsequenz. Mit einer Milliarde Nutzern weltweit ist dieser Dienst purer Gigantismus.

Aber es bleibt auch die Gewissheit, dass die Karawane irgendwann weiterziehen wird. Ähnlich wie bei Facebook werden bald auch Instagram die Nutzer weglaufen, zuerst die Jüngeren, dann werden immer mehr Ältere nachziehen. Was wird ihr nächstes Ziel sein? Wie sieht das soziale Netzwerk der Zukunft aus? Ist es so etwas wie TikTok? Oder vielleicht werden es wieder die Blogs sein, schlicht und minimalistisch, der Macht des Wortes und des Gedankens vertrauend?

GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 15

GEGEN UNENDLICH 15 ist da! Brandfrisch liegt die neue Ausgabe schon bei Amazon vor, die anderen Anbieter werden aktuell beliefert.

Aus dem Klappentext:

Ein pralles Bündel an Geschichten aus Science Fiction und Phantastik, die von nicht weniger als neunzehn Autoren stammen. Soviel Abwechslung und Vielfalt war selten, und dennoch umkreisen die Geschichten dieser Sammlung wie die Planeten eines Sonnensystems einen gemeinsamen Mittelpunkt. Die unterschiedlichen Bahnen um das Zentralgestirn mögen sie durch jeweils andere Gefilde führen, und unterwegs begegnen ihn jeweils andere Phänomene, aber der Kern, der sie mit unsichtbarer Kraft an sich bindet, bleibt derselbe.

Sex, Erotik, Verführung und Leidenschaft spielen in den Geschichten über Aliens, virtuelle Welten, dystopische und apokalyptische Szenarien eine zentrale Rolle. Alles andere als leichte Kost, und dennoch bereichernd. Wir wünschen wie immer gute Unterhaltung!

DIE AUTOREN: Michael J. Awe, Gabriele Behrend, Marco Denevi, Ute Dietrich, Raven E. Dietzel, Sascha Dinse, Uwe Durst, Rainer Erler, Tino Falke, Norbert Fiks, Andreas Fink, Hans Jürgen Kugler, Manfred Lafrentz, Kurt Münzer, Lea Reiff, Nele Sickel, Fernando Sorrentino, Simon Viktor, Matthias Weber

Erste!

Jedes Jahr im März ist die erste Mauerbiene der Vorbote des Frühlings. Sturmtief hin oder her. Die nächsten Tage werden sich nach und nach die anderen Bienen aus ihren Brutkammern herausarbeiten, zuerst die Männchen aus den vorderen, dann die Weibchen aus den hinteren.

Winter is coming

Es stimmt, dass es nicht die Faschisten in der Gestalt der Faschisten sind, die zu fürchten sind. Und auch nicht die Faschisten in der Gestalt der Demokraten. Wenn heute EU-Gremien beschlossen haben, dass zukünftig auch die Erfassung des Fingerabdrucks im Personalausweis Pflicht wird, dann entfernen sich diese Institutionen wieder einen Schritt weiter von einem demokratischen Gemeinwesen, wie ich es mir vorstelle. Zur Aushöhlung der Demokratie braucht es keine »Rechtspopulisten«.

Die erkennungsdienstliche Erfassung aller Bürger der Europäischen Union lässt Ungutes für die Zukunft erahnen. Immer mehr Daten der Bürger werden erhoben und miteinander verknüpft, die Befugnisse der Sicherheitsapparate immer weiter ausgebaut. Stück für Stück ändert sich so das Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Der wohlwollende Blick eines Nanny-Staates wird der paranoide Blick eines Überwachungsapparates, der in jedem Bürger einen potentiellen Verbrecher sieht.

Als Jonathan Nolan 2009 die Idee einer Fernsehserie namens »Person of Interest« mit einer allmächtigen Überwachungs-KI an amerikanische Fernsehsender verkaufen wollte, fand man seine Ideen unrealistisch und politisch zu provokativ. Nachdem die Serie 2011 angelaufen war, schrieb die New York Times, dass das Konzept ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkte. Dann kam Edward Snowden und die Welt konnte schwarz auf weiß lesen, was hinter der Kulisse der Demokratien vorging. Die Realität hatte die Serie in vielen Bereichen bereits eingeholt. Als »Vault 7« geleakt wurde, berichteten die Medien kurz darüber und gingen wieder zur Tagesordnung über. Und wir auch.

Früher dachte ich, dass man miese Machenschaften nur publik zu machen bräuchte, damit die Politiker sich bewegen und auf den öffentlichen Druck reagieren. Doch ich habe mich geirrt. Unsere Regierung hat den NSA-Untersuchungsausschuss und andere Untersuchungen einfach ausgesessen. Und nichts passierte. Der Leak wird keine Konsequenzen haben und wir werden keine Informationen bekommen. Wie auch im Fall Amri. Aber es wurde offensichtlich, wie schwer es für die parlamentarischen Kontrollorgane ist, ihre Geheimdienste zu kontrollieren. Die Geheimdienste sind auch aus dieser Affäre gestärkt hervorgegangen. Ich denke in diesen Zeiten häufig an den berühmten Monolog von Harold Finch aus »Person of Interest«.

Silicon Valley-Liberalität

Zu viel für Apple: Jesus mit Joint (Foto: Cicero)
Zu viel für Apple: Jesus mit Joint (Foto: Cicero)

Heute Vormittag, beim Stöbern in der Buchhandlung, fiel mein Blick auf das Cover der Januar-Ausgabe des Cicero Magazins. Egal, was man auch von der Art und Weise der Titelillustration halten mag, in dem Moment war ich froh, dass diese Buchhandlung nicht im Besitz von Apple ist. Denn in diesem Fall hätte ich dieses Cover nicht zu Gesicht bekommen.
Als Cicero die elektronische Ausgabe des aktuellen Magazins in den Zeitungskiosk von Apple hochladen wollte, scheiterten sie an den restriktiven Auflagen des amerikanischen Konzerns. Erst als das Cover durch ein anderes ersetzt wurde, konnten sie ihr Heft zum Verkauf im App Store anbieten. Ähnlich erging es dem Entwickler Lucas Pope, der sein Spiel »Papers, Please« für iOS über den Online-Store von Apple vertreiben wollten. Problem hier war ein Nacktscanner im Spiel. Erst nach einigem Hin und Her erlaubte Apple das Spiel dann doch. 2012 musste Focus das Bild einer barbusigen Frau zensieren, um nicht aus dem App Store zu fliegen.
Solche Beispiele zeigen sehr schön, dass diese angebliche Silicon Valley-Liberalität genau so prüde ist, wie all die anderen erzkonservativen Instanzen, die aber über ein ungleich schlechteres Image verfügen. Der global agierende Softwarekapitalismus, der seine Werte und Mythen zu Werbezwecken einsetzt, predigt hier Wasser und trinkt Wein. Und die Anbieter, die ihre Produkte zum Markt (in den App Store) tragen wollen, laufen Gefahr, aufgrund der asymmetrischen Machtlage im vorauseilendem Gehorsam die Schere im Kopf einzusetzen. Wer entwickelt schon ein Produkt, was es dann nicht in den Verkauf schafft. So wird eben vieles prüder, verliert seinen Mut und unterwirft sich dem großen Bruder, der mittlerweile, ganz im Gegensatz zum legendären Werbespot »1984«, Apple ist. Aber vielleicht kommt der eine oder andere Anbieter auch zu dem Ergebnis, dass man nicht alles schlucken muss, was einem aufgetischt wird, und es für dieses Spiel immer zwei braucht?