Amazon und das Selfpublishing

Das größte Versprechen, was vor einigen Jahren von den neuen digitalen Formaten ausging, war das Aufbrechen alter Strukturen, verbunden mit der Hoffnung, dass es besser werden würde. Besser für den Leser. Und besser für die Verfasser. Wo bis dahin der Weg an die Öffentlichkeit über die Verlage führte, die somit eine Türhüter-Funktion besaßen, war nun jeder frei, seine Geschichte der Öffentlichkeit anzubieten. Der Markt würde es schon richten. Es war etwas Neuartiges, bei einem Anbieter zu verlegen, der keinerlei literarische Qualitätskriterien besitzt und soweit vom traditionellen Buchhandel und Verlagswesen entfernt ist, wie man es sich vorstellen kann. Für Amazon zählen einzig und allein die Downloads, die Anzahl verkaufter eBooks. Das war für viele Autoren, die vom traditionellen Verlagswesen gelangweilt oder enttäuscht waren, eine erfrischende Neuerung.
Selfpublishing heißt in Deutschland immer noch Amazon. Das abgeschlossene Ökosystem des Onlinehändlers hat das eBook nicht nur populär gemacht, es hat auch den größten Kundenstamm an sich gebunden. Nirgendwo gibt es mehr Leser, nirgendwo wird mehr verkauft. Alle anderen Händlerkanäle sind bloße Ergänzungen.
Was ist bislang dabei herausgekommen? Ist Amazon der große Teufel, den wir Autoren unsere Seele verkaufen? Jein. Als Geschäftspartner ist Amazon zuverlässig und erfüllt seinen Teil der Abmachung. Unsere eBooks werden auf der weitreichenstärksten Plattform angeboten, das Hochladen und die Konvertierung der eBooks funktioniert zuverlässig, die Tantiemen werden pünktlich gezahlt. Knapp achtzig Prozent meiner Einnahmen stammen von Amazon.
Anderseits bildeten sich mit Amazon neue Bedingungen heraus. Der mysteriöse Algorithmus, der unsere Werke platziert und sie in eine Rangliste einsortiert, entscheidet über Erfolg und Misserfolg. Die vorderen Plätze werden in der unüberschaubaren Flut von eBooks gefunden, die hinteren nicht. Die Kundenrezensionen, von jedem Leser zu verfassen, bekamen eine riesige Bedeutung. Dies führte auf Autorenseite zu einer großen Anzahl gefälschter Bewertungen, die als Gefälligkeiten von Familie, Freunden und Bekannten verfasst werden, und die man mittlerweile schon im großen Stil bei Unternehmen in Auftrag geben kann. Und zu einem Haufen schlechter Bewertungen, die Autoren der Konkurrenz angedeihen lassen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Außerdem tut Amazon wenig, um seine Geschäftspartner, die Selfpublisher, zu schützen. Hier ist es, ganz der Händler, näher an seinen Kunden als an seinen Autoren. Selbst die skurrilsten Kundenbewertungen, die rein gar nichts mit dem jeweiligen eBook zu tun haben, werden nicht entfernt. Die damit verbundenen schlechten Bewertungen sind für Autoren, die von den Tantiemen ihrer Bücher leben, existenziell. Amazon kümmert es nicht. Außerdem macht es Amazon durch seine großzügige Umtauschaktion leicht, eBooks nach dem Lesen wieder zurückzugeben. So entstand eine breite Nische an Lesern, die Amazon als eine riesige Bücherei begreifen. Sie kaufen eBooks, lesen sie innerhalb einer Woche durch, und geben das Werk dann wieder zurück. Der Kaufpreis wird ihnen zurückerstattet, der Autor verdient keinen Cent.
Auffallend ist der freie Fall der eBook-Preise, der von Amazon in den letzten Jahren aktiv gefördert wurde. Als PR-Aktionen werden Gratistage empfohlen, die zukünftige Leser auf den Autor und sein Werk aufmerksam machen sollen. Das Verschenken der eigenen Werke, ein zweischneidiges Schwert. Ist eine kostenlose Leseprobe oder ein Gratisband einer Reihe in meinen Augen eine gute Werbemaßnahme, zeugt das zeitweise Verschenken eines ganzen Romans von einer geringen Wertschätzung der eigenen Arbeit gegenüber. Oder anders ausgedrückt: Wer verkaufen will, darf nicht verschenken. So hat sich im Amazon-Kosmos in weiten Kreisen mittlerweile eine Billig- und sogar Gratismentalität durchgesetzt, die es nicht mehr einsieht, für Literatur zu bezahlen. Eine Tasse Kaffee ist heute auf dem Markt mehr wert als ein Roman, der im Selfpublishing als eBook erscheint. Mittlerweile ist die Abwärtsspirale bei 0,99 EUR für ein eBook bzw. für 100 Seiten angelangt. Man bekommt als Autor zwar bis zu 70 Prozent des Verkaufspreises, im Vergleich zu den mageren 7 – 10 Prozent bei den Verlagen, muss aber aufgrund der niedrigen eBook-Preise ungleich mehr Ausgaben verkaufen, um sein Auskommen zu haben. Amazon fördert hier den Hang zur Selbstausbeutung (»bevor es Verlage tun, beuten wir uns lieber selber aus«), dem viele Selbstverleger in der Hoffnung auf Erfolg verfallen.
Das freie Spiel des Marktes hat erstaunlicherweise keine mutigere, spannendere, eigenwilligere Literatur herausgebracht, wie es am Anfang von vielen erwartet wurde. Auch von mir. Schaut man sich die Angebote an, findet man zumeist nur Eingängiges: leicht verdauliche Genreliteratur dominiert, auch in den Bestsellerlisten. Die literarische Ich-AG der Selfpublisher hat smarte Autoren hervorgebracht, die es verstehen, sich zu vermarkten und zu gefallen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von den Abgängern des Literaturinstituts und der Schreibschule in Leipzig oder Hildesheim, die schon von früh an bestens vernetzt sind und wissen, welche Erwartungshaltungen sie zu bedienen haben. Nur findet man bei den Verlagen ab und an tatsächlich einen eigenwilligen- und ständigen Roman in den Bestsellerlisten, bei den eBooks eher nicht. Das mag an den unterschiedlichen Lesegewohnheiten liegen oder an der vorhandenen bzw. fehlenden Werbung. Vor Kurzem sagte jemand zu mir, er lese seit Jahren nur noch Selbstverleger, da ihn der Einheitsbrei der Verlage langweilen würde. Vielleicht, dachte ich mir, liegt hier drin ja wirklich eine Chance. Aber momentan scheint es mir so, als seien die Verlage die mutigeren Verleger

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7 Antworten zu Amazon und das Selfpublishing

  1. seitengeraschel schreibt:

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das Selfpublishing auch als Leserin zweischneidig sehe. Ich habe zwar schon ein paar gute Romane von Selfpublishern gelesen und würde mir für sie auch ein breites Publikum wünschen, aber es gibt eben auch einfach sehr viel Schlechtes. Ich gehöre nicht zu denen, die sich eBooks für 0.99€ herunterladen, weil ich dahinter meist nichts Großartiges vermute. Dass jeder publizieren kann, führt auch dazu, dass anscheinend jeder denkt, dass er schreiben kann – und das ist eben nicht so. Viele dieser Werke strotzen nur so vor Fehlern und sind allein deswegen schon grausig zu lesen…
    Deinen Artikel finde ich jedenfalls sehr interessant. Selfpublishing scheint für Autoren und Leser gleichermaßen Chance und Enttäuschung zu sein. Danke für die ehrlichen Worte.

    • Michael Blasius schreibt:

      Ja, das Ganze ist sehr ambivalent. Jedenfalls konnte ich in den letzten beiden Jahren viel lernen und mir die lange Überarbeitung meines Romans strukturieren, indem ich einzelne Teile schon mal als eBook veröffentlichte. Ich persönlich sehe das Selfpublishing nach wie vor als Ergänzung zu der klassischen Buchveröffentlichung bei einem Verlag, nicht als Ersatz, wie es sich Amazon vorstellt.

  2. Lebensmelodie schreibt:

    Seien Sie herzlich bedankt für Ihren informativen Artikel. – Tatsächlich mutet es bizarr an, das eigene Werk in den unüberschaubaren Markt von Amazon einzuspeisen, wenn am Ende des Tages nicht die Qualität im Vordergrund steht, sondern die Inszenierung. Vom Schreiben kann man in der heutigen Zeit nur schlecht leben, daran wird auch die stetige Zunahme von Selfpublishing-Plattformen nichts ändern.

  3. Christian Weis schreibt:

    Selfpublishing gab es schon immer – allerdings hat es Ausmaße angenommen, die man selbst als interessierter Leser und Sammler nicht mehr überblicken kann. Gleiches gilt für die vielen Auswüchse bei Amazonbewertungen, -ranglisten oder -lesetipps.
    Dass 08/15-Ware sehr schnell auch den Selfpublisherbereich dominieren wird, war fast abzusehen – denn der Einheitsbrei verkauft sich nun mal am besten oder leichtesten. Die originellen Sachen gehen in der Flut unter. Wobei gegen nette / gute Unterhaltung ja gar nichts zu sagen ist.
    Nach den Amazonbewertungen und -tipps gehe ich so gut wie gar nicht. Ich lese das, was mich interessiert, von Autoren, die mich interessieren. Und da verlasse ich mich auf mein Gespür und Leseproben und natürlich auf Hinweise oder Rezis von Leuten, deren Geschmack ich einigermaßen einordnen kann. Damit bekomme ich mehr Lesestoff zusammen, als ich lesen kann. Und der besteht nach wie vor zu einem hohen Prozentsatz aus Verlagsprodukten. Die Selfpublisherszene hat meinen Nerv noch nicht getroffen, auch nicht qualitativ.
    Dass immer mal was untergeht – ja, das ist halt so. Gute Sachen kriegt man meist auch noch, wenn sie schon länger draußen sind, und sei es antiquarisch. eBooks sind ja eh im Regelfall sehr lange erhältlich.

    • Michael Blasius schreibt:

      Das sehe ich ähnlich. Für mich ist gute Literatur immer auch unterhaltend, von daher ist der Begriff bei mir nicht negativ besetzt. Aber ein wenig mehr als den vorherrschenden Einheitsbrei hatte ich mir dann doch erhofft. Gerade im Selfpublishing wäre es doch gegeben, auch mal etwas anderes zu schreiben, da einem niemand dreinredet.

      • Christian Weis schreibt:

        Gelegentlich gibt es auch hier – wie im Verlagswesen – vermutlich Abweichungen vom Einheitsbrei, aber diese Werke sind eben schwer zu finden. Zumal die Autoren dieser Werke wohl eher nicht den Weg gehen, im Austausch mit anderen Selfpublishern ihre Werke zu pushen – dieses gegenseitige Bewerben bzw. Hochjubeln betrifft eher 08/15-Sachen, ist zumindest mein Eindruck.

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