Archiv für den Monat Januar 2015

Amazon und das Selfpublishing

Das größte Versprechen, was vor einigen Jahren von den neuen digitalen Formaten ausging, war das Aufbrechen alter Strukturen, verbunden mit der Hoffnung, dass es besser werden würde. Besser für den Leser. Und besser für die Verfasser. Wo bis dahin der Weg an die Öffentlichkeit über die Verlage führte, die somit eine Türhüter-Funktion besaßen, war nun jeder frei, seine Geschichte der Öffentlichkeit anzubieten. Der Markt würde es schon richten. Es war etwas Neuartiges, bei einem Anbieter zu verlegen, der keinerlei literarische Qualitätskriterien besitzt und soweit vom traditionellen Buchhandel und Verlagswesen entfernt ist, wie man es sich vorstellen kann. Für Amazon zählen einzig und allein die Downloads, die Anzahl verkaufter eBooks. Das war für viele Autoren, die vom traditionellen Verlagswesen gelangweilt oder enttäuscht waren, eine erfrischende Neuerung.
Selfpublishing heißt in Deutschland immer noch Amazon. Das abgeschlossene Ökosystem des Onlinehändlers hat das eBook nicht nur populär gemacht, es hat auch den größten Kundenstamm an sich gebunden. Nirgendwo gibt es mehr Leser, nirgendwo wird mehr verkauft. Alle anderen Händlerkanäle sind bloße Ergänzungen.
Was ist bislang dabei herausgekommen? Ist Amazon der große Teufel, den wir Autoren unsere Seele verkaufen? Jein. Als Geschäftspartner ist Amazon zuverlässig und erfüllt seinen Teil der Abmachung. Unsere eBooks werden auf der weitreichenstärksten Plattform angeboten, das Hochladen und die Konvertierung der eBooks funktioniert zuverlässig, die Tantiemen werden pünktlich gezahlt. Knapp achtzig Prozent meiner Einnahmen stammen von Amazon.
Anderseits bildeten sich mit Amazon neue Bedingungen heraus. Der mysteriöse Algorithmus, der unsere Werke platziert und sie in eine Rangliste einsortiert, entscheidet über Erfolg und Misserfolg. Die vorderen Plätze werden in der unüberschaubaren Flut von eBooks gefunden, die hinteren nicht. Die Kundenrezensionen, von jedem Leser zu verfassen, bekamen eine riesige Bedeutung. Dies führte auf Autorenseite zu einer großen Anzahl gefälschter Bewertungen, die als Gefälligkeiten von Familie, Freunden und Bekannten verfasst werden, und die man mittlerweile schon im großen Stil bei Unternehmen in Auftrag geben kann. Und zu einem Haufen schlechter Bewertungen, die Autoren der Konkurrenz angedeihen lassen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Außerdem tut Amazon wenig, um seine Geschäftspartner, die Selfpublisher, zu schützen. Hier ist es, ganz der Händler, näher an seinen Kunden als an seinen Autoren. Selbst die skurrilsten Kundenbewertungen, die rein gar nichts mit dem jeweiligen eBook zu tun haben, werden nicht entfernt. Die damit verbundenen schlechten Bewertungen sind für Autoren, die von den Tantiemen ihrer Bücher leben, existenziell. Amazon kümmert es nicht. Außerdem macht es Amazon durch seine großzügige Umtauschaktion leicht, eBooks nach dem Lesen wieder zurückzugeben. So entstand eine breite Nische an Lesern, die Amazon als eine riesige Bücherei begreifen. Sie kaufen eBooks, lesen sie innerhalb einer Woche durch, und geben das Werk dann wieder zurück. Der Kaufpreis wird ihnen zurückerstattet, der Autor verdient keinen Cent.
Auffallend ist der freie Fall der eBook-Preise, der von Amazon in den letzten Jahren aktiv gefördert wurde. Als PR-Aktionen werden Gratistage empfohlen, die zukünftige Leser auf den Autor und sein Werk aufmerksam machen sollen. Das Verschenken der eigenen Werke, ein zweischneidiges Schwert. Ist eine kostenlose Leseprobe oder ein Gratisband einer Reihe in meinen Augen eine gute Werbemaßnahme, zeugt das zeitweise Verschenken eines ganzen Romans von einer geringen Wertschätzung der eigenen Arbeit gegenüber. Oder anders ausgedrückt: Wer verkaufen will, darf nicht verschenken. So hat sich im Amazon-Kosmos in weiten Kreisen mittlerweile eine Billig- und sogar Gratismentalität durchgesetzt, die es nicht mehr einsieht, für Literatur zu bezahlen. Eine Tasse Kaffee ist heute auf dem Markt mehr wert als ein Roman, der im Selfpublishing als eBook erscheint. Mittlerweile ist die Abwärtsspirale bei 0,99 EUR für ein eBook bzw. für 100 Seiten angelangt. Man bekommt als Autor zwar bis zu 70 Prozent des Verkaufspreises, im Vergleich zu den mageren 7 – 10 Prozent bei den Verlagen, muss aber aufgrund der niedrigen eBook-Preise ungleich mehr Ausgaben verkaufen, um sein Auskommen zu haben. Amazon fördert hier den Hang zur Selbstausbeutung (»bevor es Verlage tun, beuten wir uns lieber selber aus«), dem viele Selbstverleger in der Hoffnung auf Erfolg verfallen.
Das freie Spiel des Marktes hat erstaunlicherweise keine mutigere, spannendere, eigenwilligere Literatur herausgebracht, wie es am Anfang von vielen erwartet wurde. Auch von mir. Schaut man sich die Angebote an, findet man zumeist nur Eingängiges: leicht verdauliche Genreliteratur dominiert, auch in den Bestsellerlisten. Die literarische Ich-AG der Selfpublisher hat smarte Autoren hervorgebracht, die es verstehen, sich zu vermarkten und zu gefallen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von den Abgängern des Literaturinstituts und der Schreibschule in Leipzig oder Hildesheim, die schon von früh an bestens vernetzt sind und wissen, welche Erwartungshaltungen sie zu bedienen haben. Nur findet man bei den Verlagen ab und an tatsächlich einen eigenwilligen- und ständigen Roman in den Bestsellerlisten, bei den eBooks eher nicht. Das mag an den unterschiedlichen Lesegewohnheiten liegen oder an der vorhandenen bzw. fehlenden Werbung. Vor Kurzem sagte jemand zu mir, er lese seit Jahren nur noch Selbstverleger, da ihn der Einheitsbrei der Verlage langweilen würde. Vielleicht, dachte ich mir, liegt hier drin ja wirklich eine Chance. Aber momentan scheint es mir so, als seien die Verlage die mutigeren Verleger

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