Nichts geht mehr

SAMSUNGSeit Jahren strebt Bonn an, Fahrradhauptstadt von NRW zu werden. Dazu muss man wissen, dass Bonn nicht nur die lauteste Stadt NRWs ist, sondern auch tagtäglich von Automassen überrollt wird, die die halbe Stadt lahmlegen. Als man vor einigen Monaten im Rahmen von Sanierungsarbeiten eine Spur einer innerstädtischen Autobahnbrücke sperrte, war das Tagesthema und Hauptaufreger bei den Berufspendlern und Lokalmedien. Der Bonner General-Anzeiger richtete dafür extra einen Live-Ticker ein.
Umso erstaunlicher ist das Ansinnen der Stadt, Fahrradhauptstadt zu werden, wenn man überlegt, dass Bonn kaum über Radwege verfügt. Statt Radwege gibt es hier höchstens mal gestrichelte Linien auf den Straßen, was dazu führt, dass sich Auto- und Radfahrer beständig in die Haare kriegen, und der eine oder andere Radfahrer im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder kommt. Als jemand, der täglich mit dem Rad unterwegs ist, kann ich sagen, dass man schon eine beinahe unvernünftige Liebe zum Radfahren braucht, um in dieser Stadt trotz allem zu fahren. Als gebürtiger Münsteraner bin ich immer wieder begeistert, wie gut dort die Fahrradinfrastruktur ist. Nun ist Bonn nicht Münster, hier fehlt es einfach an Platz und am politischen Willen. So müsste man, wollte man den Radverkehr stärken, den Platz woanders einsparen, sprich bei den Autofahrern. Nun rächt sich eine verfehlte Stadtplanung, die jahrzehntelang primär auf den Autoverkehr ausgerichtet war und unsere Städte zu öden Durchfahrstrecken degradiert hat.

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2 Antworten zu Nichts geht mehr

  1. sjahnawe schreibt:

    Bonn wird nie Fahrradhauptstadt, geschweige denn erst mal eine fahrradfreundliche Stadt werden, es sei denn, man sperrt die Autos aus und ändert in den Köpfen etwas. Aber dazu sind die Menschen in der Masse nicht bereit. Wenn ich mit dem Fahrrad durch Bonn fahre, erlebe ich einmal am Tag eine Situation, wo ich denke, puh, das war jetzt aber ganz schön knapp. Oft erlebe ich das mit Autofahrern. Aber auch als Fußgänger mit Autos und Fahrradfahrern, die aggro sind oder einen schlichtweg übersehen, weil alles zu schnell geht. Oder im Schwimmbad mit Leuten, die ohne links und rechts zu schauen durch die Gegend kraulen.
    Das Problem sitzt tiefer. Die Menschen sind zu großem Druck ausgesetzt. Man braucht Geschwindigkeit, um sich daran zu berauschen. Man nimmt keine Rücksicht aufeinander, ich befürchte, dass das Gespür dafür auch verlorengeht und die Leute arschiger werden. Ich vielleicht auch, wenn das so weitergeht… irgendwann ist ja immer der Punkt erreicht, wo das Fass überläuft. Wer bremst verliert. Egal was. Kostbare Zeit in einem straff gestrickten Stundenplan vielleicht, Freiheit, Freizeit, Ansehen, Kontrolle, Macht, die Grenze zum anderen, oder was auch immer. Höher, schneller, weiter. Viele testen wie kleine Kinder jeden Tag die Grenzen, wie weit sie gehen können, aus. Wenn Du den Ellenbogen nicht raushältst, nimmt man dir die Butter vom Brot. So sieht es ja leider heutzutage meist aus. Ich stehe oft in Situationen, wo ich denke: ey, das kann doch jetzt echt nicht wahr sein, dies oder das macht man einfach nicht! Ich schaue manchmal staunend zu, wenn Freunde und Bekannte, die eigentlich total nett sind, im Auto dann zu so motzenden, hupenden, unbekannten und irgendwie auch abstoßenden Wesen mutieren… Ich frag mich dann immer: Warum???

    • Michael Blasius schreibt:

      Anfangs dachte ich, das würde an der Stadt liegen, mittlerweile glaube ich aber, dass dies auch eine Zeiterscheinung ist, die überall in Deutschland zu beobachten ist. In Bonn ist die Sache nur noch mal zugespitzt, weil hier sehr viel Verkehr auf sehr engem Raum stattfindet. In Verkehrsstudien sind es ja gerade die Geschäftsleute, die durch ihr rücksichtsloses Fahren auffallen, also durch die Übertragung ihres Arbeitsverhaltens auf den Verkehr: Lücke suchen, Vorteile nutzen, sich Durchsetzen etc, und von denen hat Bonn überdurchschnittlich viele. Aber letztlich trifft es auf alle Verkehrsteilnehmer zu, egal welchen Beruf sie ausüben, ob sie mit dem Auto, Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind. Die Unlust, sich an Regeln zu halten, Ungeduld und ausgeprägte Ichbezogenheit schaffen kein freundliches Klima im öffentlichen Raum, was einen Verlust an Lebensqualität für alle bedeutet.

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