01/ 2013

Nach dem Frühstück suchte ich im Internet nach einer alten Professorin von mir, von der ich lange nichts mehr gehört hatte, und stieß auf den Seiten der Westfälischen Nachrichten auf eine Sterbeanzeige. Von allen meinen Professoren war Frau M. die Streitbarste und Angreifbarste, die sich mit ihrer ganzen Person einbrachte, die von Hentigs Bildungsbegriff hochhielt und uns Popper nahebrachte, die grundsätzlich erst am späten Vormittag ihre Vorlesungen hielt, da sie ein Nachtmensch war und es als Körperverletzung betrachtete, um acht Uhr morgens vor den Studenten stehen zu müssen; die den SPIEGEL mit einer Begeisterung las, dass auch ich ihn abonierte, die ein ganzes Semester darauf verwendete, einen einzigen Text hermeneutisch zu lesen, und die alle in ihren Augen denkfaulen Studenten mit ihrer Ironie nach wenigen Tagen verscheuchte, die oben unter dem Dach des Hüfferstiftes mit Freiwilligen philosophische und erziehungswissenschaftliche Bücher las, wo wir uns in ihrem kleinen Büro mit den alten muffigen Möbeln über die ausgeteilten Kopien beugten, und bei der ich 2000 als einer der letzten Studenten die Diplomarbeit schrieb, bevor sie in den Ruhestand ging. Frau M. ist im Januar 2013 in Münster verstorben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Eigenes, Zettelkasten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s