Archiv für den Monat Juli 2014

Versificatoren

Beim Wiederlesen von »1984«, welches ich immer noch für eine beeindruckende Dystopie halte, fällt mir auf, wie stark die Realität die damaligen Mechanismen von Kontrolle überholt hat. Es handelt sich hierbei um das, was Bjung-Chul Han das digitale Panoptikum genannt hat. In anderer Hinsicht erscheint mir Orwells Roman noch immer sehr aktuell. Bei einer Forendiskussion über Amazons neue eBook-Flatrate fragte ein User, wovon denn die Autoren dann noch leben sollten. Ein anderer Teilnehmer antwortete, dass Autoren sowieso bald durch Programme ersetzt werden würden, die Romane automatisch generieren. Dabei fiel mir die synthetisch erzeugte Musik aus »1984« ein:

Draußen vor dem Fenster sang jemand. Winston lugte unter dem Schutz des Musselinvorhangs hinaus. Die Junisonne stand noch hoch am Himmel, und drunten auf dem besonnten Hof stapfte ein Monstrum von Frau, wuchtig wie eine romanische Säule, mit stämmigen roten Unterarmen und einer um ihre Taille gebundenen Sackleinwandschurze, zwischen einem Waschfass und einer Wäscheleine hin und her, auf der sie eine Reihe viereckiger weißer Dinger aufhangte, die Winston als Kinderwindeln erkannte. So oft ihr Mund nicht durch Wascheklammern verschlossen war, sang sie mit mächtiger, tiefer Altstimme:

»Es war nur ein tiefer Traum,
Ging wie ein Apriltag vorbei-ei
Aber sein Blick war leerer Schaum
Brach mir das Herz entzwei-ei!«

Das Lied wurde wahrend der letzten Wochen von ganz London geträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, die für die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne jedes menschliche Zutun von einem sogenannten »Versificator« zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodiös, dass aus dem fürchterlichen Blödsinn beinahe ein hübsches Liedchen wurde.

Im Journalismus wird ein solches Programm zum automatischen Verfassen von Nachrichten schon eingesetzt. Anfang Mai meldete die »Los Angeles Times« , sie habe die erste von einer Software produzierte Nachricht publiziert und werde das in Zukunft öfter tun. Die Stuttgarter Softwarefirma Aexea verspricht eine Nachrichtenmaschine, die hochwertige Texte erzeugen kann. Mit dieser lasse sich zum Beispiel eine Nachrichtenseite basteln, bei der auf die speziellen Interessen bestimmter Leser zugeschnittene Artikel produziert werden – ganz ohne Menschen im Produktionsprozess.
Die böse Ironie an der Geschichte ist, dass für Orwell der Versificator das Instrument eines totalitären Regimes war, denn wo eine Maschine produziert, kann es auch keinen kritischen Geist geben, und dass nun im Rahmen eines freiheitlichen Kapitalismus eben dieses Instrument als Objekt der Gewinnmaximierung eingesetzt wird.

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GEGEN UNENDLICH. Phantastische Geschichten – Nr. 6

Cover_GU_6_MDie sechste Ausgabe von »GEGN UNENDLICH« wurde mittlerweile an den Handel ausgeliefert. Die sechs Erzählungen dieser Sammlung drehen sich um Veränderungen aller Art und zeigen die unterschiedlichsten Facetten der Phantastik. Abgerundet werden die Geschichten von einem Artikel zu den Hintergründen zu Ray Bradburys bei Arkham House verlegtem Band »Dark Carnival«. Die Nr. 6 ist erhältlich als Download bei Amazon und anderen Anbietern.

DIE STORYS:

Uwe Durst: »Der Puppenmacher«
Michael Blasius: »Martha«
Andreas Fieberg: »Die Krümmung der Geraden«
Ute Dietrich: »Wahnsinnsstern«
Hubert Katzmarz: »Der Physiker und die magischen Steine«
Joachim Pack: »Kurzschluß in der Zeitmaschine«
Essay: »Zu Gast im Hause Arkham. Über Bradburys Erstling Dark Carnival«

AUS DEM INHALT:

Die von Sehnsucht beflügelte magische Verwandlung eines Jungen / Implantierte Realitäten als Zufluchtsort / Die Begegnung mit dem Alter Ego / Sternenreisende, die eine drastische Transformation erleben / Ein alter Weiser und seine esoterischen Schüler / Ein Autor, der zur Figur in seiner eigenen Geschichte wird // Sechs bizarre Begebenheiten, sechs Facetten der Phantastik, unterhaltsam und pointiert erzählt! – Titelillustration von Lothar Bauer

01/ 2013

Nach dem Frühstück suchte ich im Internet nach einer alten Professorin von mir, von der ich lange nichts mehr gehört hatte, und stieß auf den Seiten der Westfälischen Nachrichten auf eine Sterbeanzeige. Von allen meinen Professoren war Frau M. die Streitbarste und Angreifbarste, die sich mit ihrer ganzen Person einbrachte, die von Hentigs Bildungsbegriff hochhielt und uns Popper nahebrachte, die grundsätzlich erst am späten Vormittag ihre Vorlesungen hielt, da sie ein Nachtmensch war und es als Körperverletzung betrachtete, um acht Uhr morgens vor den Studenten stehen zu müssen; die den SPIEGEL mit einer Begeisterung las, dass auch ich ihn abonierte, die ein ganzes Semester darauf verwendete, einen einzigen Text hermeneutisch zu lesen, und die alle in ihren Augen denkfaulen Studenten mit ihrer Ironie nach wenigen Tagen verscheuchte, die oben unter dem Dach des Hüfferstiftes mit Freiwilligen philosophische und erziehungswissenschaftliche Bücher las, wo wir uns in ihrem kleinen Büro mit den alten muffigen Möbeln über die ausgeteilten Kopien beugten, und bei der ich 2000 als einer der letzten Studenten die Diplomarbeit schrieb, bevor sie in den Ruhestand ging. Frau M. ist im Januar 2013 in Münster verstorben.

»Urd«

Cover Neiding 5Es ist geschafft! Gestern habe ich das letzte Kapitel von »Urd« beendet und ins Korrektorat gegeben. Die Veröffentlichung steht also kurz bevor. Ich freue mich sehr darüber und möchte mich für die vielen freundlichen Leserkommentare und interessierten Rezensionen im Netz bedanken. Als nächstes werde ich die Arbeit  kurz für ein anderes Projekt unterbrechen, bevor ich mich in zwei Wochen an den letzten Teil vom »Neiding« begebe und die Reihe abschließe.