Die Lust des Fabulierers

In seinem Vorwort zu »Der Name der Rose« schreibt Umberto Eco, dass es heutzutage der Trost des homme de lettres sei, wieder schreiben zu dürfen aus reiner Liebe zum Schreiben. 1968 war ihm ein Buch aus der Feder eines Abbé Vallet in die Hände gefallen, das ihn so fesselte, dass es die Keimzelle für seinen historischen Roman um ein italienische Benediktinerkloster und seine Bibliothek wurde. Zu dieser Zeit, berichtet Eco, war es die gängige Überzeugung, nur schreiben zu dürfen aus Engagement für die Gegenwart und im Bestreben, die Welt zu verändern. Zehn Jahre später nun fühle er sich frei, aus schierer Lust am Fabulieren die Geschichte des Adson von Melk zu erzählen. Und es schiene ihm tröstlich, dass diese Geschichte so unendlich fern in der Zeit ist und so herrlich frei von allen Bezügen der Gegenwart.
Lange Zeit schienen die Fabulierer fast ausschließlich auf fremden Pfaden weitab der Gegenwart und der Realität zu wandeln , als würde der Blick aus dem Fenster die Lust am Fabulieren ersticken. Sie siedelten ihre Stoffe in ferner Vergangenheit oder Zukunft an, erschufen Phantasiewelten und fremde  Rassen, als halte die Gegenwart keine starken Stoffe mehr bereit – oder als hemme sie die Phantasie. Realistische Mainstreamprosa hingegen verlor sich in alltäglichen Kleinigkeiten, während der große erzählerische Wurf anderen Zeiten oder Welten vorbehalten schien. Frei von dem Anspruch, die Welt erklären zu müssen und sich in Bedeutungsschwangerschaft zu verlieren, kam eine erzählerische Haltung zu neuen Ehren,  dass es ausreichend sei, sich auf das Erzählen einer Geschichte zu konzentrieren, dass dieses Arbeiten mit Bildern und Modellen alles einzufangen vermag, was das Leben und die Welt ausmacht – und dies in einer Sprache zu uns bringt, die wir nicht erst aus dem Abstrakten übersetzen müssen.

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Eine Antwort zu Die Lust des Fabulierers

  1. mickzwo schreibt:

    Die Lust am Fabulieren ist unzweifelfaft da. Die Bezüge zur Gegenwart ergeben sich von selbst. Neunzehnhundertachtzig oder zweitausendundvierzehn. Was den Schreiber umtrieb ist eine Sache. Was beim Leser/Rezipienten ankommt, eine andere. Man mag es als glückliche Fügung oder als Pech betrachten, aber wir sind allesamt Subjekte. „Jeder hört das, was er versteht.“ Goethe.

    https://allesmitlinks.wordpress.com/2012/04/29/der-name-der-rose/

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