Die Nase

Es gibt Geschichten, die eine Initialzündung bewirken, wenn man auf sie trifft. Die ideale Kombination aus dem richtigen Buch zur richtigen Zeit. Eine dieser Geschichten ist für mich „Die Nase“ von Nikolai Gogol. Ich stöberte als Jugendlicher in der neu gebauten Stadtbücherei in Münster, als mir eine knallrote Ausgabe von Diogenes in die Hände fiel: Gogol, Meistererzählungen. Gehört hatte ich diesen Namen noch nicht, aber ich las das Vorwort von Sigismund von Radecki, las immer weiter, setzte mich hin, begann mit der ersten Erzählung aus dem Band, „Die Nase“, und war fasziniert: der schnurrige Ton, die groteske Begebenheit eines Mannes, dessen Nase sich eines Tages nicht mehr in seinem Gesicht befindet, die Suche nach dem guten Stück, die Konfrontation mit der Nase, die mittlerweile eine Offiziersuniform trägt und durchaus selbstbewusst ihre Unabhängigkeit behauptet, bis hin zum Ende … Während des Lesens spürte ich, dass ich hier etwas gefunden hatte, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, es zu suchen. Hier war eine phantastische Erzählung, die einen literarischen Anspruch geltend machte, die sich wenig um Konventionen kümmerte. Ich lief in die nächste Buchhandlung und kaufte mir die Ausgabe. Bis heute hat Gogol nichts von seiner Faszination verloren, zwar kamen mitunter andere Autoren, die ihn für kurze Zeit verdrängten, die wichtiger, gewichtiger, erschienen, doch immer wieder kehrte ich zu dieser leichten, düsteren Art der Phantastik zurück, die doch im Grunde ihres Herzens das Traurigste ist, was ein Mensch zu schreiben vermag.

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5 Antworten zu Die Nase

  1. Lennek schreibt:

    Auf mich haben Gogols phantastische Erzählungen eine ganz ähnliche Wirkung gehabt! Das animiert mich, den Auswahlband mal wieder zur Hand zu nehmen und mich erneut anregen zu lassen. Übrigens: Wer die Haltung und Herangehensweise Gogols schätzt, dem sei der polnische Autor Slawomir Mrozek (u.a. »Lolo«, Diogenes) empfohlen, der es ebenfalls versteht, bizarre Motive parabelhaft mit der Realität kurzzuschließen.

    • mblasius schreibt:

      Kenne Mrozek eher als Verfasser von Theaterstücken, wenn auch nur sehr oberflächlich. Irgendwelche Lektüreempfehlungen, was die Prosa anbelangt?

  2. Lennek schreibt:

    Die erwähnte Sammlung »Lolo« ist als Einstieg zu empfehlen. Sie enthält über 20 kürzere Prosatexte, unter denen sich gleich zwei der beeindruckendsten befinden, die ich von Mrozek kenne: »Fallen« und »Es klappert die Mühle …«. Eine Phantastik, die schon stark ins Surreale und Groteske spielt. Sehr bestechend.

  3. Bitterlin schreibt:

    Gogol ist wie Puschkin ein Autor, den man eher in Russland schätzt, während in Deutschland Dostojewski, Tolstoi oder Tschechow als bedeutsamer gelten. Leider. Ich gewinne Gogols Erzählungen mehr ab, als den dicken Wälzern seiner Kollegen.

    • mblasius schreibt:

      Was auch damit zu tun haben dürfte, dass der Roman in Deutschland einen höheren Stellenwert besitzt als die kurzen Formen (Erzählung, Novelle, Kurzgeschichte, auch das Gedicht). Puschkin wird als Erneuerer der russischen Sprache in seiner Heimat vor allem wegen seiner Gedichte geschätzt. Cechov hierzulande eher als der Verfasser von Theaterstücken. Seine Erzählungen konnten erst durch die Neuübersetzungen von Peter Urban für Diogenes ein breiteres Publikum finden, fristen aber immer noch eher ein Nischendasein. Seine Stücke für die Bühne sind jedoch nach wie vor höchst populär.

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