Archiv für den Monat Juli 2013

Extimes: 2

Auf der Unfallchirugie die junge Ärztin, die eine Betäubungsspritze in die Wundinfektion auf der Fußsohle gibt, was ihr selber wehtut, wie sie sagt. Der Eindruck einer bescheidenen Handwerkerin, als sie zu schneiden beginnt. Der dünne Arzt, der das Bein hält, seltsam mager unter dem weißen Kittel.

Das Schreien von zwei Babys draußen auf der Straße, lang gezogen und schrill, sich langsam entfernend, als wäre alles Leid der Welt in diese kleinen Geschöpfe gefahren, wo doch schon eine scheuernde Windel ausreicht.

Am Rheinufer führt eine Frau ihr Hündchen aus, das alle paar Meter das Bein hebt und sie im Zickzack von Duftmarke zu Duftmarke zieht.

Advertisements

Extimes: 1

Das Schwarzweißfoto der Eltern, auf dem sie jünger als ihr Sohn sind. Im Laufe der Zeit verliert der Mensch unzählige Ichs, trotzdem ist er mehr als die bloße Existenz der Gegenwart.

Auf dem Kopf der Beethovenstatue saß eine Taube, von wo aus sie einen ungestörten Rundumblick über den Münsterplatz besaß. Der alte Herr rührte sich nicht und die fotografierenden Touristen schien es auch nicht zu stören.

Charakteristisch für einen Menschen in einem Gespräch vor allem die Augen und die Bewegungen der Hände. In unbeobachteten Momenten machen sich die Hände gerne selbstständig. Die Augen sind am schwersten zu manipulieren.

Aus großer Distanz

erde_4

Foto: Nasa/JPL-Caltech/Space Science Institute

Aus einer Entfernung von 1,5 Mrd. Kilometern erscheint die Erde nur als kleiner leuchtender Punkt. Der Raumsonde Cassini gelangen spektakuläre Weitwinkelaufnahmen der Erde unter den Ringen des Saturns hindurch. Es ist schwierig, Bilder der Erde von dem äußersten Rand des Sonnensystems her aufzunehmen, da aus dieser Perspektive die Erde in der Nähe der Sonne erscheint und das grelle Licht den Sensor der Kamera zu schädigen vermag. Cassini konnte diese Fotos aufnehmen, weil der Saturn die Sonne verdeckt.

Der Autor und die sozialen Netzwerke

Noch vor wenigen Jahren war es gerade mal üblich, dass ein Autor eine eigene Homepage besaß. Mittlerweile ist in dieser Hinsicht stark aufgerüstet worden. Fast jeder Autor heutzutage ist auf twitter, Google+ und facebook vertreten, um sozial für sich und sein Werk zu trommeln. Es ist das bekannte Spiel: was keiner kennt, kann auch keiner lesen (und kaufen). Was nützt das beste Buch, wenn niemand darauf aufmerksam wird. Bei den Verlagen ist das gut zu beobachten. Ein Großteil des Werbeetats geht für eine Handvoll Bücher drauf, die dann mit dementsprechenden Aufwand in die Öffentlichkeit gedrückt werden. Und die sich in der Regel gut verkaufen. Die anderen Verlagsautoren gehen dabei leider leer aus. Sie müssen sich ohne große Werbung durch das Autorenleben schlagen – oder selbst aktiv werden. Besonders schön zeigt sich die Auswirkungen der PR-Aufmerksamkeit am aktuellen Fall von J.K. Rowling. Die bekannte Autorin hatte im April diesen Jahres unter männlichem Pseudonym einen Krimi veröffentlicht, der sich in den ersten drei Monaten 1500 Mal verkaufte. Dann wurde die wahre Identität des Verfassers bekannt und das Werk gelangte sofort in die Bestsellerlisten. Was war passiert? War das Buch über Nacht besser geworden? Nein, aber der PR-Trick der ausgebufften J.K. Rowling hat wunderbar funktioniert. Sie äußerte in einem Interview, dass es ihr ziemlichen Spaß bereitet hätte, ohne den ganzen Hype unbeschwert einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen. Das glaube ich ihr gerne. Aber wesentliche Verkäufe hat diese Methode nicht generiert. Die literarischen Qualitäten des Romans allein reichten nicht aus. Erst jetzt, nachdem die berühmte Harry-Potter-Autorin als Verfasserin bekannt wurde, reißen sich alle Verlage um das Buch und werden einen erheblichen Teil ihres Werbeetats darauf verwenden. Und das Buch wird sich wunderbar verkaufen. Nicht, weil es gut ist, sondern  weil es gut beworben wird.

Weberknecht

002 (3)Letztes Jahr ließ sich ein Weberknecht in unseren Erdbeersträuchern nieder. Da ich den Sommer über gerne auf dem Balkon schreibe, bekam ich ausreichend Gelegenheit, dieses Tier zu beobachten. Viel passierte nicht. Eigentlich saß es meistens nur rum. Aber es blieb unseren Balkonfrüchten (und den zahlreichen Blattläusen) sehr lange treu. Zwischendurch verschwand das Spinnentier irgendwohin, kehrte aber immer wieder zurück. Bis es Winter wurde. Die Erdbeersträucher wurden zurückgeschnitten und trieben in diesem Frühjahr wieder aus. Seit einer Woche bevölkert wieder ein Weberknecht den Blumenkasten, diesmal brachte er gleich noch Verstärkung mit. Jetzt sitzen sie zu zweit auf den Blättern unserer Erdbeersträucher und rühren sich nicht.

Die Nase

Es gibt Geschichten, die eine Initialzündung bewirken, wenn man auf sie trifft. Die ideale Kombination aus dem richtigen Buch zur richtigen Zeit. Eine dieser Geschichten ist für mich „Die Nase“ von Nikolai Gogol. Ich stöberte als Jugendlicher in der neu gebauten Stadtbücherei in Münster, als mir eine knallrote Ausgabe von Diogenes in die Hände fiel: Gogol, Meistererzählungen. Gehört hatte ich diesen Namen noch nicht, aber ich las das Vorwort von Sigismund von Radecki, las immer weiter, setzte mich hin, begann mit der ersten Erzählung aus dem Band, „Die Nase“, und war fasziniert: der schnurrige Ton, die groteske Begebenheit eines Mannes, dessen Nase sich eines Tages nicht mehr in seinem Gesicht befindet, die Suche nach dem guten Stück, die Konfrontation mit der Nase, die mittlerweile eine Offiziersuniform trägt und durchaus selbstbewusst ihre Unabhängigkeit behauptet, bis hin zum Ende … Während des Lesens spürte ich, dass ich hier etwas gefunden hatte, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, es zu suchen. Hier war eine phantastische Erzählung, die einen literarischen Anspruch geltend machte, die sich wenig um Konventionen kümmerte. Ich lief in die nächste Buchhandlung und kaufte mir die Ausgabe. Bis heute hat Gogol nichts von seiner Faszination verloren, zwar kamen mitunter andere Autoren, die ihn für kurze Zeit verdrängten, die wichtiger, gewichtiger, erschienen, doch immer wieder kehrte ich zu dieser leichten, düsteren Art der Phantastik zurück, die doch im Grunde ihres Herzens das Traurigste ist, was ein Mensch zu schreiben vermag.

Halldór Laxness – Sein eigener Herr

Dieser Roman ist eine Faust von einer Geschichte. Ein ursprüngliches, kraftvolles Erzählen, gegen das alle intellektuellen Errungenschaften in der Prosa wie eitle Spielereien wirken. Es ist die Ahnung einer Literatur, die am Anfang aller Dinge stand, die voller Leben steckte und vom Leben erzählte, die Deutung und Sinnstiftung gab, indem sie darstellte. „Sein eigener Herr“ ist keine bildungsbürgerliche Literatur. Der Roman erzählt von den Menschen und ihrem Kampf in der Welt, bevor es den Bürger und die Probleme der modernen Zivilisation gab. Man merkt bei Laxness an jeder Zeile seine Vertrautheit mit den alten Isländersagas, von denen der Nobelpreisträger sagte: „Ein isländischer Schriftsteller kann nicht leben, ohne beständig über die alten Bücher nachzudenken.“

Der Neiding 2 – Verbannung erhältlich

Cover Neiding 2Gestern wurde von neobooks der zweite Teil meines Romans „Der Neiding“ an die Händler ausgeliefert. Amazon hat ihn schon gelistet.

Aus dem Klappentext:

Nachdem Farold Isbert getötet hat, muss er in die Wälder fliehen. Ohne den Schutz der Sippe ist er nun auf sich allein gestellt. Dem alten Sippengesetz entsprechend muss Arbogast den Racheeid schwören und die Verfolgung von Farold aufnehmen, um ihn zu töten. Doch er zögert. Dadurch setzt er den Ruf der gesamten Sippe aufs Spiel. Während Farold auf eine geheimnisvolle alte Frau in den Wäldern trifft, reist Arbogast zur Stammesversammlung nach Marklohe, wo der berühmte Widukind versucht, die Sachsen im Kampf gegen die Franken zu vereinen. Doch die Rückkehr endet in einer Katastrophe …

Teil 3 erscheint Ende August 2013